Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 04.04.2019


Web und Tech

Experte rät Eltern: Kinder im Web an die Hand nehmen

Pornos, Mobbing oder betrügerische Abzocke – Kinder sind im Internet zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Der Polizist Alexander Geyrhofer nimmt die Eltern in die Pflicht.

Für viele Kinder gehören Tablets samt Wischbewegungen zum Alltag. Auch Schulen setzen auf neue Medien.

© iStockphotoFür viele Kinder gehören Tablets samt Wischbewegungen zum Alltag. Auch Schulen setzen auf neue Medien.



Von Beate Troger

Innsbruck – Neunjährige sehen plötzlich ein IS-Tötungsvideo. Zehnjährige fallen im Internet auf ein dubioses Handyangebot herein. Elfjährige verschicken Porno-Videos. Dreizehnjährige werden gemobbt und zu Kurzschlusshandlungen getrieben. „Was Kinder und Jugendliche im Internet heutzutage erleben, ist erschreckend grauslich“, spricht der Polizist Alexander Geyrhofer Klartext. Der Oberösterreicher ist seit 20 Jahren in der Gewaltprävention tätig und hat sich auf das Thema Internet spezialisiert.

„Die Opfer werden immer jünger“, sagt Geyrhofer, dessen zweites Buch „Kinder sicher im Internet“ Ende März erschienen ist. So hätten schon 14 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen ein eigenes Smartphone, bei den Sechs- bis Achtjährigen seien es bereits 42 Prozent, sagt der Polizeibeamte im TT-Gespräch. „Und viele Eltern sind überfordert und sich selbst der Gefahren nicht bewusst“, weiß Geyrhofer nach Hunderten Elternabenden und Workshops für Pädagogen aller Schulformen.

Er nimmt vor allem die Erziehungsberechtigten in die Verantwortung. „Ein Elternteil muss wissen, welche Gefahren lauern und was die Kinder mit dem Handy oder Computer im Internet tun“, fasst er zusammen. Essenziell sei, für den Nachwuchs ein eigenes Nutzerprofil anzulegen sowie einen altersgerechten Sicherheitsfilter für das Internet zu installieren.

„Je mehr man das Internet verbietet, umso interessanter wird es für die Kinder.“ Alexander Geyrhofer (Polizist, Experte für Cyberkriminalität)
„Je mehr man das Internet verbietet, umso interessanter wird es für die Kinder.“ Alexander Geyrhofer (Polizist, Experte für Cyberkriminalität)
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Die Erwachsenen dürften aber weder das Web noch die Geräte verteufeln, auch das sei heutzutage grob fahrlässig. Wichtig sei, zum Kind eine enge Vertrauensbasis aufzubauen, damit es von sich aus Alarm schlagen könne und bei auffälligen Zwischenfällen keine Angst haben müsse. „Man muss die Kinder sensibilisieren und ihnen erklären, dass hinter jeder netten Person, die man nicht persönlich kennt, in den sozialen Netzwerken theoretisch ein Betrüger oder Verbrecher stecken könnte“, warnt er.

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Den vierfachen Vater macht die berufliche Konfrontation mit der Cyberkriminalität streng. „Volksschulkinder brauchen kein Smartphone“, ist der Polizeibeamte überzeugt. Und auch nachts habe das Smartphone im Kinderzimmer nichts verloren. Generell empfiehlt er, die Bildschirmzeiten für den Nachwuchs einzuschränken.

Bis zum Alter von etwa neun Jahren könnten die Kleinen nicht zwischen real und digital unterscheiden, da könne auch ein Dinosaurier aus dem Kinderfernsehen bedrohlich wirken. Mangelnde Zuwendung durch die Bezugspersonen sei der größte Risikofaktor, sowohl für Opfer als auch für Täter. „Um Empathie und soziale Interaktion zu erlernen, brauchen Kinder die ständige Schulung der Spiegelneuronen im persönlichen Kontakt“, weiß der Experte. Wer in sensiblen Entwicklungsphasen lange vor dem Bildschirm geparkt wird, könne sich diese grundlegenden Kompetenzen nicht aneignen. Weiters sollten Eltern auch den PIN-Code der Geräte der Kinder wissen. „Bei unter 14-Jährigen fällt es meiner Meinung nach unter die Aufsichtspflicht, die Aktivitäten im Internet zu kontrollieren“, sagt Geyrhofer. Wenn Teenager strafmündig seien, könne man sie eher selbstverantwortlich surfen lassen, vorausgesetzt die jungen Leute sind über die Gefahren aufgeklärt.

Ein großes Thema, zu dem die Polizei massive Präventionsarbeit leistet, ist Cybermobbing. Laut OECD-Erhebung werde in 95 Prozent der österreichischen Klassen der Sekundarstufe gemobbt und gehetzt, unabhängig ob Mittelschule oder Unterstufe des Gymnasiums. „Es beginnt schleichend im Klassenzimmer“, weiß der Experte. In der Folge werden Hassgruppen gegründet, über die verunglimpfende Fotos von Mitschülern ausgetauscht werden oder direkt an das Opfer geschickt werden. „Bei einem Fall in Oberösterreich hat ein Mädchen in einer Nacht mehr als 1000 Mobbing-Nachrichten über WhatsApp bekommen“, zeigt sich Alexander Geyrhofer erschüttert. „Eltern müssen achtsam sein, vor allem wenn sie Wesensveränderungen wahrnehmen und Kinder stundenlang am Handy oder PC hängen“, warnt er.

Bei Verdacht oder konkreten Vorfällen gelte es sämtliche Beweise zu sichern und Anzeige zu erstatten. Als weiterer Schritt müsse mit den Online-Portalen Kontakt aufgenommen und die Löschung der Inhalte beantragt werden. Je nach Schwere der Fälle empfiehlt er eine begleitende Aufarbeitung oder Therapie.

Doch damit es gar nicht so weit kommt, ist die Bewusstseinsbildung so essenziell.

Im Web lauern Gefahren

Cybermobbing: Hetze und Mobbing gegen Andere, meist über Gruppen auf sozialen Netzwerken.

Betrug: Von Mehrwert-SMS bis hin zu verlockenden Abos oder Angebbten für Konsumartikel.

Cybergrooming Die Kontaktaufnahme von Unmündigen mit sexuellen Absichten.

Sexting: Der Austausch von (nicht nur eigenen) aufreizenden Bildern oder Nacktfotos über das Web.

Zur Person: Alexander Geyrhofer ist Sozialpädagoge und Polizist in Schörfling am Attersee (OÖ) und für Eltern, Schulen und Polizisten in der Prävention für Cyberkriminalität tätig.

Das Buch: Kinder sicher im Internet. Verlag Edition A. 20 Euro.