Letztes Update am Do, 06.06.2019 10:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

YouTube rudert zurück: Homophobie und Rassismus doch keine “Meinung“

Ein schwuler YouTuber beschwerte sich über jahrelange Beschimpfungen durch einen rechten Kommentator. Die Videoplattform wertete diese zunächst als “Meinung“, ruderte nun aber zurück. Das Unternehmen verschrieb sich erneut dem Kampf gegen “Hassreden“.

YouTube wurde wegen seiner lockeren Postingregeln zuletzt massiv kritisiert.

© ReutersYouTube wurde wegen seiner lockeren Postingregeln zuletzt massiv kritisiert.



Innsbruck — Nun haben sie es also doch eingesehen: Nicht einmal 24 Stunden nach einem fragwürdigen Twitter-Posting von YouTube wurde der Druck der Netzgemeinde wohl zu groß. Die Videoplattform hat zugegeben, dass Homophobie keine Meinung ist und sich (erneut) dem verstärkten Kampf gegen Hassbotschaften, Rassismus und Verschwörungstheorien verschrieben.

Was war passiert? Der Vox-Produzent Carlos Maza hatte sich mit einer Beschwerde an YouTube gewandt. Er werde seit zwei Jahren vom konservativen YouTuber Steven Crowder in dessen Videos aufs Übelste beleidigt, weil er schwul und ein Latino sei.

Nun könnte man meinen, YouTube hätte die Videos nach der Beschwerde entfernt - immerhin wurde erst 2017 versprochen, ein genaues Auge auf sogenannte "Hassrede" zu haben. Das ist jedoch nicht passiert. Stattdessen sorgte YouTube mit dem eingangs erwähnten Twitter-Posting für Kopfschütteln: "Meinungen können stark beleidigend sein, aber wenn sie nicht gegen unsere Bedingungen verstoßen, bleiben sie auf unserer Seite", hieß es. Freie Meinungsäußerung sei "entscheidend" für eine Plattform wie YouTube, wurde ergänzt. Maza teilte das YouTube-Statement - und im Netz zog ein Sturm auf.

User aus aller Welt zeigten sich solidarisch mit Maza. Unter dem Hashtag #NoPrideInYT wurde zum Boykott der Plattform aufgerufen. Außerdem wurde YouTube von zahlreichen Nutzern aufgefordert, die Regenbogenfahnen von ihren Profilen zu nehmen (derzeit wird weltweit der sogenannte "Pride"-Monat gefeiert, auch YouTube macht mit). Es sei unverschämt, dass sich YouTube einerseits Weltoffenheit an die Fahnen hefte und andererseits Homophobie zulasse, hieß es im Internet.

Wie es aussieht, nahm sich YouTube die Kritik der Netzgemeinde dann irgendwann doch zu Herzen. Das Unternehmen ruderte einen Tag nach dem ersten Twitter-Statement zurück und kündigte an, Steven Crowder zumindest von Werbeeinahmen bei seinen Videos auszuschließen. Das sorgte bei Maza widerum für Unverständnis und Frustration. Crowders Haupteinnahmequelle seien nämlich nicht die Werbeanzeigen in den Videos, sondern der Verkauf von T-Shirts mit Hassbotschaften über ihn.

YouTube erklärte daraufhin, auch die Links zu den T-Shirts nicht mehr zu dulden. Die Videos selbst sind aber nach wie vor online abrufbar - bisher gab es zu dem speziellen Fall kein Statement mehr.

YouTube verbietet Holocaust-Leugnung und Nazi-Ideologie

Eine Stellungnahme zur allgemeinen Lage gab es aber. Darin hat YouTube erneut angekündigt, verschärft gegen Propagandavideos von Rassisten und anderen Extremisten vorgehen zu wollen. Ab sofort sollen Videos verboten werden, die diskriminierende Botschaften etwa über Menschen bestimmter Herkunft und Religionen verbreiteten. Dazu gehören dem Unternehmen zufolge Videos, die „die Nazi-Ideologie verherrlichen" oder den Holocaust leugnen.

Seit längerem fordern politische und gesellschaftliche Gruppen von YouTube, Facebook und Co. die Verbannung von Verschwörungstheorien, Falschinformationen, aufwiegelnden und extremistischen Botschaften. Erst Mitte Mai hatten sich YouTube, Mutterkonzern Google, Facebook und Twitter dazu verpflichtet, gegen Online-Propaganda von Extremisten vorzugehen.

Diese auch von mehrere Regierungen in Paris unterzeichnete Selbstverpflichtung wird als „Christchurch-Aufruf" bezeichnet - nach der neuseeländischen Stadt, in der ein rechtsextremer Attentäter im März bei einem Angriff auf eine Moschee 51 Menschen getötet hatte. Aufnahmen von seiner Bluttat veröffentlichte der Mann live im Internet, darunter auch auf YouTube.

Das Unternehmen erklärte nun (wieder einmal), es ergreife einen weiteren Schritt, um „Hassreden" von seiner Plattform zu verbannen. „Spezifisch verboten" würden Videos, „die behaupten, dass eine Gruppe überlegen ist, um Diskriminierung, Abtrennung und Ausschluss auf der Basis von Eigenschaften wie Alter, Geschlecht, Rasse, Kaste, Religion, sexueller Orientierung oder Veteranenstatus zu rechtfertigen".

YouTube verbietet nun auch solche Videos, die „gut dokumentierte gewalttätige Ereignisse" leugnen. Als Beispiel nannte das Unternehmen neben dem NS-Völkermord an den Juden das Massaker mit 26 Toten im Jahr 2012 an der Sandy-Hook-Grundschule im US-Staat Connecticut. Der US-Verschwörungstheoretiker Alex Jones behauptet beispielsweise, das Blutbad sei von Schauspielern vorgetäuscht worden, um eine Verschärfung der Waffengesetze zu erreichen.

YouTube erklärte allerdings, dass es die weltweite Umsetzung der neuen Regeln nicht unverzüglich bewerkstelligen könne, sondern in den kommenden Monaten graduell steigern werde. (TT.com/reh)