Letztes Update am Di, 11.06.2019 13:13

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Holocaust-Projekt auf Instagram: Evas Kampf gegen das Vergessen

Verwackelte Videos, auf denen SS-Offiziere Menschen bedrängen. Selfies mit Panzern. Ein Instagram-Projekt zeigt, wie ein Mädchen den Holocaust mit modernen Medien wahrgenommen hätte. Die Szenen basieren auf einem realen Tagebuch.

Evas Geschichte wird als Instagram-Tagebuch nacherzählt.

© Screenshot/Instagram/eva.storiesEvas Geschichte wird als Instagram-Tagebuch nacherzählt.



Von Judith Sam

Eva blinzelt in ihre Selfie-Kamera. Nestelt hier an ihrer Kleidung, zupft dort. Die 13-Jährige ist unzufrieden — allerdings nicht mit dem altmodisch anmutenden Mantel, sondern dem Davidstern, der markant darauf prangt. „Das ziehe ich nicht an", kommentiert Eva bockig. Warum sollte sie ihre jüdische Herkunft für alle so offensichtlich machen?

Dabei ist dieses Problem, dem sich das Mädchen in einem Video auf dem Instagram-Account eva.stories stellen muss, lächerlich im Vergleich mit den Erfahrungen, die sie nur Tage darauf macht. Doch dazu später.

Die rund 70 Clips, die mit Schauspielern für den Account gedreht wurden, dokumentieren das Leben einer Jüdin zu Zeiten des Holocausts so, als hätte es 1944 moderne Medien gegeben. Die Idee dazu hatte der israelische Geschäftsmann Matti Kochavi, der so den sechs Millionen ermordeten Juden gedenken und junge Menschen wachrütteln wollte.

Die dürften sich rasch mit den Videos identifizieren, durch die anfangs digital eingefügte Herzchen flimmern. Hashtags wie „bff" — beste Freude für immer — schmücken Clips, die Evas tanzende Freundinnen zeigen. Man sieht Eva beim Plaudern, wenn sie nicht schlafen kann, beim Kichern mit ihrer ersten Liebe oder beim Blödeln in der Schule.

Die Nazis sind da

Sie teilt ihr unbeschwertes Leben mit der Welt — bis sich das Militär des Dritten Reichs in der Stadt breitmacht. Vom einen auf den anderen Tag walzen Panzer an Eva vorbei, Hakenkreuz-Flaggen säumen die Straßen. „Die Nazis haben uns eingenommen", steht unter dem Video des 19. März. Die Stimmung schlägt um. Keine Spur mehr vom leichten Leben.

„Durch die jugendlich moderne Inszenierung der Clips können sich junge Menschen gut in die Situation hineinversetzen", sagt Benjamin Gilkarov. Der Leiter der Jugend- und Kulturabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien stand dem Projekt anfangs skeptisch gegenüber: „Weil die Herangehensweise ungewohnt ist. Ein Tabubruch. Im ersten Moment dachte ich, der Holocaust würde lächerlich gemacht."

Doch das Gegenteil ist der Fall: „Viele Videos haben mich mitgerissen." Die Rede ist nicht nur von Evas letztem Eintrag im Juni, wenn ihre Handykamera filmt, wie sie in einen Zug einsteigt. Allerdings in keinen Zug, an den man im ersten Moment denkt, sondern in einen Viehwagen. Man ahnt, wohin der die Juden bringt.

„Schon in den 80er-Jahren gab es eine Initiative, die Eva entfernt ähnelt", erinnert sich Emil Chamson, Vizepräsident des Israelitischen Kultusrats in Inns­bruck. Damals verarbeitete ein Amerikaner das Schicksal seines Vaters, einem Auschwitz-Überlebenden, in Form des Comics „Maus": „Dafür erntete er anfangs viel harsche Kritik, weil Menschen als Comicmäuse dargestellt wurden."

Eva.stories begrüßt Chamson: „Auch als ergänzendes Medium für modernen Unterricht. Hier wird Geschichte jungen Leuten auf spannende, emotionale Art präsentiert, sodass sie sich damit auseinandersetzen wollen."

Bloggerin enttarnt

Werden solche Daten in Schulen gezeigt, ist es umso wichtiger, dass alle Fakten stimmen. Was online nicht immer der Fall ist. Bestes Beispiel: Eine Deutsche wurde für ihre Schilderungen über ihre jüdische Familie zur Bloggerin des Jahres 2017 gekürt — bis das Magazin Spiegel vor wenigen Tagen herausfand, dass die Erzählungen frei erfunden waren.

Die Videos auf eva.stories hingegen basieren auf einem realen Tagebuch. Die junge Ungarin Éva Heyman hat zu ihrem 13. Geburtstag im Februar 1944 begonnen, hineinzuschreiben. Im Oktober desselben Jahres starb die Schülerin in einem Konzentrationslager.

Dieser reale Hintergrund berührt Gilkarov besonders: „Ein Video blieb mir lange in Erinnerung. Darin wird Eva als ,dreckige Jüdin' bezeichnet." Ähnliches ist dem 33-Jährigen selbst passiert: „Ich war an einer Kreuzung mit einem Passanten in einen Streit um die Vorfahrt verwickelt. Als er meine traditionelle jüdische Kopfbedeckung sah, beschimpfte er mich als ?Saujude'." Gilkarov hat noch heute Gänsehaut, wenn er daran denkt: „Antisemitische Äußerungen dürfen nicht salonfähig werden. Besonders online sinkt die Hemmschwelle. Eva könnte Abhilfe schaffen."