Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 21.06.2019


Exklusiv

Lithium-Batterien: Die unterschätzte Gefahr

Lithium-Batterien finden sich in Handys, Laptops, E-Bikes – und viel zu viele im Restmüll. Werden die Batterien beschädigt, können sie leicht in Brand geraten. Zu Hause und bei den Entsorgungsunternehmen.

Lithium entflammt leicht und ist umso schwerer zu löschen. Die Zahl der Produkte, in denen Lithium-Batterien enthalten sind, hat enorm zugenommen.

© iStockphotoLithium entflammt leicht und ist umso schwerer zu löschen. Die Zahl der Produkte, in denen Lithium-Batterien enthalten sind, hat enorm zugenommen.



Von Anita Heubacher

Innsbruck – Zu Hause sollt­e das Smartphone auf jeden Fall auf einer Fliese oder einer Steinplatte, jedenfalls auf einer Unterlage liegen, die nicht brennbar ist. Gar nichts verloren hätten Handys im Bett. Sie dort zu laden, sei gar grob fahrlässig. Darüber sind sich Uni-Experten und Entsorger einig. Auch darin, dass die Gefahr, die von Lithium-Batterien ausgeht, vom Konsumenten völlig unterschätzt wird.

Lithium-Batterien können mechanisch leicht beschädigt werden. Es reicht beispielsweise, wenn ein Handy zu Boden fällt oder ein E-Bike umgestoßen wird. Beschädigte Batterien fangen leicht Feuer und können gar explodieren. „Wenn die Batterien heiß werden oder sich aufblähen, herrscht Alarmstuf­e Rot und das Gerät gehört zum Fachmann“, erklärt Roland Pomberger, Professor für Abfallwirtschaft an der Montanuniversität Leoben. Seit Jahren machen er und der Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) auf das Problem mit den Lithium-Batterien aufmerksam. Denn die Brände bei Entsorgungs­unternehmen häufen sich. Je mehr Batterie­n im Restmüll landen, desto höher die Brandgefahr. Das ist leicht erklärt: Restmüll wird in den Anlagen sortiert, geschredder­t und so gut wie möglich gesplittet. Bei der mechanischen Behandlung können die Batterien leicht beschädigt werden.

Gebrannt hat es bereits bei der Oberländer Entsorgungsfirma Freudenthaler. „Wir haben daraufhin sehr viel Geld in Infrarot- und damit in Wärmeerkennung investiert, um Brände zu verhindern“, erzählt Unternehmerin Ingeborg Freudenthaler. Sie fordert, bei Batterien ein Pfandsystem einzuführen. „Die Sammelquote liegt bei bescheidenen 45 Prozent und sollte sich auf 70 bis 80 Prozent wie in der Schweiz erhöhen.“ Trotz Öffentlichkeitsarbeit würden Konsumenten nach wie vor leichtsinnig mit Lithium-Batterien umgehen, bestätigt auch Pomberger.

Allein in Österreich landen 700.000 Lithium-Batterien im Restmüll. „Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Produkte mit Lithium-Batterien ständig steigt und viele noch im Einsatz sind, wird die Zahl der Batterien im Restmüll dramatisch steigen.“ Pomberge­r rechnet mit rund drei Millionen Batterien im Restmüll im Jahr 2025.

„Das kann nicht mehr so weitergehen“, meint Freuden­thaler und sieht auch die Produzenten gefordert. „Es wird etwas hergestellt, ohne zu bedenken, wie man das Produkt nachhaltig entsorgen könnt­e.“

Welche Batterien in den Altstoffsammlungen landen, lässt derzeit das Unterländer Unternehmen DAKA untersuchen. „Wir wollen Rückschlüsse ziehen, um hochzurechnen, was da auf uns zukommt, wenn die Zahl der Batterien steigt“, erklärt Prokurist Martin Klingler. Beim Entsorger in Schwaz sprechen die Säulendiagramme eine deutliche Sprache. Demnach ist die Zahl der insgesamt entsorgten Lithium-Batterien von 128 Kilogramm im Jahr 2016 auf unglaubliche 2956 Kilogramm angestiegen.

Von einer Einführung eines Pfandsystems hält Klingler dennoch nichts. „Das halte ich für nicht umsetzbar. Wie hoch soll der Pfand bei einem Akku für ein E-Bike sein?“, fragt er. Ein solches Pfandsystem sei ihm auch aus keinem anderen Land bekannt. „Dazu kommt, dass viele Batterien aus den Produkten von einem Laien gar nicht herausgelöst werden können.“ Klingler will weiter auf Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen setzen.

Pomberger hat indes bereits eine Korrelation zwischen der steigenden Zahl der Lithium-Batterien und der Brände bei den Entsorgern hergestellt. „In den letzten fünf Jahren werden die Brandschäden von den Entsorgern in Österreich auf 100 Millionen Euro geschätzt.“ Pomberger ist einem Pfandsystem nicht ganz abgeneigt. „Das muss man andenken, wenn Initiativen von Handel und Industrie zur Reduktion der Brandgefahr nicht fruchten. Das Risiko muss gesenkt werden.“

Die Top 3 — Probleme mit Lithium-Batterien

Sammelquote: In Österreich werden nur 45 Prozent der Batterien ordnungsgemäß entsorgt. Die Mehrzahl landet im Restmüll.

Produkte: Die Zahl der Produkte, die mit Lithium-Batterien betrieben werden, steigt. Noch sind die meisten dieser Geräte im Einsatz.

Mengen: Ist das Ablaufdatum von immer mehr Lithium-Batterie-betriebenen Geräten erreicht, würde deren Menge im Restmüll steigen.