Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 21.06.2019


Roboter

Schüler AV1 drückt für Dominik die Schulbank

Ein Mini-Roboter drückt für schwerkranke Kinder die Schulbank. In Wien läuft damit ein Versuch, um die jungen Patienten aus ihrer Isolation zu holen.

Der kleine Roboter kommuniziert zwischen Zuhause und dem Klassenzimmer.

© Estera KluczenkoDer kleine Roboter kommuniziert zwischen Zuhause und dem Klassenzimmer.



Innsbruck – Krankheiten machen einsam. Das weiß Dominik, der in Wien zu Hause betreut wird. Das krebskranke Kind kann aber auf einen neuartigen Unterstützer setzen. AV1 heißt der Mini-Roboter, der für Dominik die dritte Klasse Volksschule in Favoriten besucht.

Was nach Science-Fiction klingt, ist tatsächlich möglich. Monika Fuchs-Brantl von der Wiener Heilstättenschule holte das noch sehr neue Projekt nach Österreich. „Soziale Isolation bedeutet Stress und das ist schlecht für die Heilung“, meint Fuchs-Brantl. Deshalb sei es ihr sehr wichtig, dagegen anzugehen.

Statt Dominik, der zu Hause betreut werden muss, sitzt also AV1 in der Klasse. Der Avatar kommuniziert mit Emoticons. So kann Dominik zeigen, ob er glücklich, verwirrt oder traurig ist. Darüber hinaus kann er den Kopf des Roboters drehen und sich über eine Kamera in der Klasse umschauen. Im Flüstermodus lässt sich sogar mit dem Sitznachbarn plaudern. Partizipation im Unterricht macht das technische Gerät auch möglich. Ein blinkendes Lämpchen bedeutet, dass Dominik aufzeigt und der Klasse etwas sagen möchte. Ein blaues Licht leuchtet, wenn er gerade erschöpft ist und deshalb nicht aktiv am Unterricht teilnehmen will.

In Tirol gibt es derzeit noch keinen AV1, aber Bildungsdirektor Paul Gappmaier weiß den Nutzen solcher Ideen zu schätzen. „Die Abwesenheit der jungen Schüler ist ein Problem. Sowohl was den Lernstoff betrifft als auch den sozialen Aspekt“, betont er. In Tirol sei man deswegen mit der Heilstättenschule in enger Kooperation. Muss ein Kind über einen längeren Zeitraum aus gesundheitlichen Gründen dem Unterricht fernbleiben, wird via Heilstättenschule der Lernstoff koordiniert. „Dann wird geschaut, wie viel möglich ist“, meint dazu Gappmaier. Denn je nach Erkrankung könne natürlich nicht immer gleich viel mitgearbeitet werden. Dass dazu ein Roboter hilfreich sein kann, wäre denkbar. „Wir sind immer dafür, so viel Inklusion wie möglich zu unterstützen“, betont er. Wenngleich der Bildungsexperte kritisch nachsetzt: „Jeder Fall ist individuell zu betrachten und eine persönliche Kommunikation kann ein Roboter natürlich nicht ersetzen.“

AV1 wurde in Norwegen entwickelt. Der rund 30 Zentimeter große Avatar ist eine Erfindung der Firma No Isolation. Derzeit sind europaweit rund 850 Exemplare im Umlauf. Der Großteil der Schulroboter ist in Skandinavien, Großbritannien und den Niederlanden in Verwendung. Monika Fuchs-Brantl hat von dem neuartigen Hilfsmittel auf einer Bildungsreise erfahren. Bei einem EU-Austauschprojekt mit einer niederländischen Schule für Kinder mit Körperbehinderungen und chronischen Erkrankungen hat sie den Avatar gesehen.

Seit April ist er nun zu einem dreimonatigen Testeinsatz in Wien. Finanziert wird der AV1 mit Mitteln eines Erasmus-Plus-Projekts der EU. Es handelt sich dabei um ein Förderprogramm der Europäischen Kommission.

Wer beim AV1 aber nur an einen Einsatz im Klassenzimmer denkt, der irrt. Der Mini-Roboter kann auch mitgenommen werden. So war er in Wien schon auf Lehrausgängen und auf Partys dabei. Um die Hemmschwelle für solche Einsätze des 3000 Euro teuren Geräts zu senken, ist in der monatlichen Betriebspauschale von 80 Euro eine Versicherung enthalten. „Man bekommt auch tatsächlich sehr rasch ein Ersatzgerät“, weiß Fuchs-Brantl.

Für die Mitschüler in der dritten Klasse Volksschule war die Anwesenheit eines Mini-Roboters zu Beginn eine Umstellung. Doch das habe sich rasch gelegt, berichtet die Klassenlehrerin. Inzwischen sei es aber ganz normal, dass die Mitschüler zu Beginn des Unterrichts Dominik einfach grüßen würden. So als wäre er mit dabei. Wobei, das ist er in gewisser Weise eben auch.

Bis jetzt hat Dominik aufgrund seiner Erkrankung ein Schuljahr verloren. Man wird sehen, inwieweit AV1 ihm nun inhaltlich helfen konnte. Gegen die Isolation könnte der Roboter aber auf jeden Fall ein Mittel sein. (aw, APA)