Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.10.2019


Cyberattacken

Notrufsystem in Österreich läuft nur über einen Anbieter

Hardwarefehler oder Cyberattacke: In Österreich gibt es keine koordinierte Vorgehensweise im Ernstfall, kritisiert Blackout-Experte Herbert Saurugg.

Über 500.000 Anrufe und digitale Meldungen sind 2018 bei der Leitstelle eingegangen.

© leitstelle tirolÜber 500.000 Anrufe und digitale Meldungen sind 2018 bei der Leitstelle eingegangen.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Vergangenen Montag kam es wegen eines – wie es hieß – Hardwarefehlers zu massiven Beeinträchtigungen im A1-Festnetz. Davon betroffen waren, wie berichtet, bundesweit auch die Notrufnummern. Feuerwehr, Rettung und Polizei waren teilweise über Stunden nicht erreichbar, weil alle Notrufe über den Anbieter A1 laufen. Dass alle Notrufsysteme allein an A1 hängen, hat laut Rundfunk- und Telekom-Regulierungs­GmbH (RTR) damit zu tun, „dass die Notrufnummern historisch bedingt bei der heutigen A1 sind. Grundsätzlich könnte aber jeder Netzbetreiber Notrufnummern bei sich im Netz einrichten. Die Zusammenschaltungsmechanismen (also dass Notrufnummern aus allen Netzen erreichbar sind) würden das zulassen“, so RTR-Pressesprecherin Daniela Andreasch. Um sich aus der Abhängigkeit von einem Anbieter zu befreien, „müsste der Gesetzgeber einen zweiten Anbieter verpflichten“.

Wie sehr Tirol vom Ausfall betroffen war, ist kaum zu eruieren. Wie viele Menschen in Tirol nicht zur Landesleitstelle – die zentrale Leitstelle aller Blaulichtorganisationen mit Ausnahme der Polizei – durchgekommen sind, „können wir leider nicht sagen. Das müsste man im Nachhinein aufwändig analysieren“, sagt Leitstellen-Geschäftsführer Bernd Noggler. An Spitzentagen registriert man dort bis zu 1700 Anrufe und digitale Meldungen, „wenn davon keine Anrufe aus dem Festnetz sind, fällt das im ersten Moment nicht so auf, weil das Festnetz heute eher eine untergeordnete Rolle spielt“, so Noggler.

Bei der Kommunikation der Einsatzkräfte in Tirol hat laut Sicherheitsreferent LHStv Josef Geisler „das Land Tirol eine ausfallsichere Zweitanbindung über Richtfunk aufgebaut. Damit ist gewährleistet, dass Hilfskräfte alarmiert und Einsatzkräfte sowie Behörden in der Lage sind, miteinander und untereinander zu kommunizieren sowie Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu treffen. Tirol ist hier österreichweit Vorreiter.“ Auf Landesebene habe die interne Kommunikation, der Informationsfluss und auch die daraus abgeleiteten Handlungen „sehr gut funktioniert“. Grundsätzlich ist in einem solchen Fall „die gesicherte unmittelbare und schnelle Informationsweitergabe eine Herausforderung“, sagt Geisler.

Ob Hard-, Softwarefehler oder Cyberattacke, „kein System kann 100-prozentig sicher sein“, betont der Mitbegründer der „Cyber Security Austria“ und Blackout-Experte Herbert Saurugg. Er kritisiert aber, „dass es keine bundesweit koordinierte Vorgehensweise beim Netzausfall gab. Man hat sich irgendwie völlig überrascht gegeben.“ Laut Saurugg habe es regionale Lösungen wie die Herausgabe von Mobilfunknummern gegeben, „eine gesamtstaatliche Koordinierung, auf deren Notwendigkeit ich schon in meiner Masterarbeit 2012 hingewiesen habe, hat aber gefehlt. Hier läge die Verantwortung beim Innenministerium.“

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Zum Glück sei dieser bisher massivste Ausfall im österreichischen Festnetz glimpflich ausgegangen und hat laut Saurugg nur Auswirkungen auf das Alltagsleben gehabt. „Dennoch muss man im Vorfeld breiter denken und nicht erst einen Plan B im Fall einer Katastrophe ausarbeiten“, ist der Blackout-Experte überzeugt. „Die Menschen müssen u. a in ganz Österreich wissen, was sie tun sollen, wenn eine Nummer nicht erreichbar ist. Sie müssen bundesweit einheitlich informiert werden, an wen sie sich wenden müssen, wohin sie im Notfall gehen sollen.“ Um für einen Ausfall im schlimmsten Fall viel größeren Ausmaßes vorbereitet zu sein, „braucht es auch Tests im Telekommunikationsbereich wie bei der Notstromversorgung“. Diese müssten „natürlich in einem überschaubaren Rahmen stattfinden, wo man eventuelle gravierende Probleme noch beheben kann“.

„Wie viele Menschen nicht durchgekommen sind, müsste man im Nachhinein aufwändig analysieren.“
Bernd Noggler (GF Landesleitstelle Tirol)
„Wie viele Menschen nicht durchgekommen sind, müsste man im Nachhinein aufwändig analysieren.“ Bernd Noggler (GF Landesleitstelle Tirol)
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