Letztes Update am Fr, 16.11.2012 12:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tiroler Studie

Tiroler Forscher belegen Anstieg der Meere durch Gletscherschmelze

Die Gletscherschmelze hat zwischen den Jahren 1902 und 2009 elf Zentimeter zum Anstieg beigetragen und war damit dessen wichtigste Ursache. Das haben Wissenschaftler der

Universität Innsbruck nun errechnet und dabei die Entwicklung jedes einzelnen Gletschers dieser Erde - rund 300.000 - berücksichtigt.

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Innsbruck – Hunderttausende Messdaten aus mehr als einem Jahrhundert bilden die Grundlage für die bisher wahrscheinlich exakteste Berechnung des Beitrags der Gletscherschmelze zum Anstieg der Weltmeere.

Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Innsbruck wollte wissen, wie groß der Anteil der Gletscher am Meerespiegelanstieg im Laufe des 20. Jahrhunderts war. Seit dem Jahr 1900 ist der globale Meeresspiegel um durchschnittlich 20 Zentimeter angestiegen. Wobei bisher unklar war, welche Rolle das Schmelzwasser der rund 300.000 Gletscher auf allen Kontinenten ausmacht, weil diese Schmelze nur eine von vielen ist.

Denn daneben spielen die Erwärmung und die damit verbundene Ausdehnung des Meerwassers, das Schmelzen der Eisschilde in Grönland und der Antarktis, sowie die Änderung des im Grundwasser und in Stauseen gespeicherten Wassers eine nicht unwesentliche Rolle.

Die Vermessung der Erde

Um ein entsprechendes Ergebnis zu erhalten, haben die Tiroler Forscher die Veränderungen jedes einzelnen der rund 300.000 Gletscher auf der Erde berechnet und viele tausend Einzelmessungen herangezogen, um die Aussagekraft des daraus entwickelten Modells zu bestätigen.

„Aus diesen Berechnungen geht hervor, dass die Gletscher zwischen 1902 und 2009 rund elf Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg beigetragen haben“, sagt Ben Marzeion vom Institut für Meteorologie und Geophysik. „Sie waren damit die wichtigste Ursache für die Veränderung des Meeresspiegels.“

Die Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass interessanterweise die Abschmelzrate über die Jahre hinweg relativ konstant geblieben sind. Die Erklärung dafür: Die Temperaturen waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zwar deutlich kälter als heute. Die Gletscher waren damals aber noch größer, so dass sie in tiefere und damit wärmere Lagen gereicht haben. Zusätzlich gab es in den 1930er und 1950er Jahren deutliche, relativ kurze Erwärmungen in der Arktis, die dort zu großen Gletscherrückgängen führten.

Alpen verlieren bis 2040 die Hälfte ihres Eises

Neben dem Blick in die Vergangenheit, versuchten die Innsbrucker Forscher zu ermitteln, wie es es um die Zukunft der Gletscher bestellt ist. 15 unterschiedliche Klimamodelle bildeten für die Prognose die Grundlage. „Hier gibt es große regionale Unterschiede“, stellt Marzeion fest. „Auch das zukünftige Verhalten der Menschheit, das heißt wie viel Kohlendioxid und andere Treibhausgase in Zukunft ausgestoßen werden, spielt eine große Rolle.“

In den Klimamodellen wurden die Unterschiede im Treibhausgas-Ausstoß durch vier verschiedene Szenarien zur zukünftigen wirtschaftlichen, sozialen und technologischen Entwicklung der Welt berücksichtigt.

„Regionen mit vergleichsweise kleinen Gletschern, wie die Alpen, werden in den nächsten Jahrzehnten einen Großteil des Eises verlieren“, erklärt der Klimaforscher. „In den Alpen wird um das Jahr 2040 herum nur noch etwa die Hälfte des momentanen Eisvolumens vorhanden sein. Absolut gesehen ist dieser Verlust aber relativ gering - die Alpen werden bis dahin nur etwa 0,2 Millimeter zum Meeresspiegelanstieg beitragen.“

Regionen mit sehr großen Gletschern hingegen werden absolut gesehen zwar sehr viel Eis verlieren, relativ zum vorhandenen bleibt aber viel erhalten: „In der kanadischen Arktis werden im Jahr 2100 noch etwa 70 Prozent des momentanen Eisvolumens vorhanden sein, allein diese Region wird bis dahin aber rund zwei Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg beigetragen haben“, beschreibt Ben Marzeion die Ergebnisse.

Meeresspiegel: Großer Anstieg droht

Eine zentrale These in der Klimawandel-Debatte bestätigt die Rechnung der Tiroler. Der Anstieg der Meeresspiegel ist ein reales Szenario. „Insgesamt wird der Meeresspiegel alleine aufgrund abschmelzender Gletscher bis 2100 zwischen 15 und 22 Zentimeter ansteigen“, schreibt die Universität Innsbruck in ihrer Aussendung zu den Forschungsergebnissen.

„Ob eher die untere oder obere Grenze eintritt, haben dabei die Menschen in der Hand – es hängt hauptsächlich davon ab, wie viele Treibhausgase in die Atmosphäre emittiert werden“, sagt Marzeion. Wenig Optimismus lassen da die jüngsten Daten zum Kohlendioxid-Ausstoß aufkommen. Dieser ist im vergangenen Jahr (2011) auf Rekordniveau gestiegen. 34 Milliarden Tonnen Kohlendioxid – und damit 0,8 Milliarden Tonnen mehr als 2010 – seien ausgestoßen worden, berichtete das IWR, das Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien. Das CO2-Ranking führte unverändert China mit 8,9 Milliarden Tonnen (2010: 8,3 Mrd.) vor den USA (6 Mrd.) und Indien (1,8 Mrd.) an.

Nicht nur Gltescherschmelze entscheidet

Wie sehr die bevölkerungsreichen Regionen an den Ufern der Weltmeere unter dem Anstieg beeinträchtigt werden, hängt aber nicht nur von der Gletscherschmelze ab. In Zukunft wird der Meerspiegel nicht nur durch Gletscherschmelze ansteigen, auch die Erwärmung des Meerwassers, das Abschmelzen der Eisschilde in Grönland und der Antarktis und Grundwasseränderungen und Stauseen müssen weiterhin berücksichtigt werden. Die weiteren Aussichten hängen daher im Wesentlichen davon ab, wie sich die Menschheit in Zukunft verhält: „Bis zum Jahr 2300 kann mit einem Meeresanstieg allein durch die Gletscherschmelze zwischen 25 und 42 Zentimeter gerechnet werden, wobei im letzten Fall die Gletscher weltweit – von einigen kleinen, sehr hoch gelegenen Resten abgesehen – verschwunden wären“, spricht Marzeion das schlimmste Szenario an. (tt.com)




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