Letztes Update am Di, 11.12.2012 06:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wissen

Schreckenszahlen, die uns kalt lassen

Tausende Tote nach Stürmen, Millionen Obdachlose nach Erdbeben und Kriegen, Milliardenhilfen für bankrotte Länder: Horrorzahlen, die uns tagtäglich begleiten. Warum sie – gerade deshalb – etwas von ihrem Schrecken eingebüßt haben.



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Was ist wenig, was viel? Und wann ist die Grenze des Vorstellbaren erreicht? Ein Mathematiker und ein Theologe gehen der Frage nach, was uns nahegeht und warum wir uns unter bestimmten Größenordnungen nichts mehr vorstellen können.

Japan, 11. März 2011: Ein Erdbeben an der Pazifikküste löst einen Tsunami mit Wellen über 20 Meter aus. Die Regierung geht von über 15.800 Toten aus, 3450 Menschen werden seither vermisst. Hunderttausende wurden obdachlos. Die Opferzahl durch die folgende Atomkatastrophe in Fukushima bleibt wohl für immer unbekannt, und trotzdem spricht die Welt vor allem darüber.

Der Holocaust – Völkermord an sechs Millionen Juden. Eine unvorstellbare Zahl. Es ist ein Einzelschicksal, das den Schrecken greifbar macht: ein Mädchen, das durch sein Tagebuch berühmt wurde – Anne Frank. „Wir sehen den einzelnen Menschen, sein Schicksal berührt uns. Millionen von Menschen können wir nicht in die Augen schauen“, versucht Rudolf Taschner, Mathematiker und erfolgreicher Buchautor („Gerechtigkeit siegt“, „Rechnen mit Gott und der Welt“), eine Erklärung dafür zu finden. Es sei der Einzelfall, der nahegeht. Und schließlich stehe es schon in der Bibel geschrieben: Du sollst deinen Nächsten lieben.

Nach der Obergrenze des Vorstellbaren gefragt, nennt Taschner die Zahl 1000 – eine Größe, die noch eingeordnet werden könne. Etwa, was Geld betrifft: „Wirklich große Beträge, die kann sich nicht einmal Herr Juncker (Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker, Anm. d. Red.) vorstellen.“ 30 Schüler in einer Klasse – das sind seiner Meinung nach zu viele, eine Obergrenze von 15 wäre gerade richtig. Eine Vorlesung oder einen Vortrag vor 300 Menschen zu halten: geht gerade noch. „Hier spürt man noch, ob das Gesagte ankommt.“ Ebenso wie bei einer Theatervorstellung vor tausend Menschen. „Den Schauspielern kann es gelingen, einzelne Zuschauer direkt anzusprechen.“ Bei einem Rockkonzert oder Fußballspiel in einem Stadion müsse dagegen bereits von „Masse“ gesprochen werden.

Der Theologe und Philosoph Gerd Forcher beschäftigt sich in seiner Arbeit auch damit, was Menschen ertragen können. Dass uns sogar Schreckenszahlen manchmal unbeeindruckt lassen, hängt für ihn weniger mit Abstumpfung oder der Gleichgültigkeit schlimmen Ereignissen gegenüber zusammen, sondern vielmehr mit einem gewissen Gewöhnungseffekt. „Wenn wir den Fernseher einschalten, Zeitung lesen, im Internet unterwegs sind: Irgendwo ist doch immer etwas passiert. Und weil es so viele Ereignisse sind, schalten wir ab – auch als Selbstschutz. Vom Gewaltverbrechen bis zur Wirtschaftskrise: Wir erwarten uns schon gar nichts Gutes mehr.“ Auch die Entfernung spiele eine große Rolle: „Je weiter weg, umso weniger fühlen wir uns betroffen. Ein Toter bei einem Autounfall in Tirol rührt uns mehr an als ein Flugzeugabsturz im Kongo – außer natürlich, es sind sich Österreicher unter den Opfern.“ Was nahe ist, geht uns auch nahe und rückt ein womöglich viel größeres Unglück in weite Ferne. Die Entfernung überbrücken können jedoch Bilder, die unter die Haut gehen: Wie die Aufnahme jenes Panzers, der einen protestierenden Mann überrollte. Forcher: „Das war einfach zu viel.“

Seine ganz persönliche Obergrenze, was Menschenmengen betrifft: „Es sind dann zu viele, wenn ich nicht einmal mehr bekannte Gesichter erkenne.“ So geschehen beim Besuch eines Weihnachtsmarkts in Frankfurt. In der Adventszeit gönnt er sich und seiner Familie eine Auszeit vor Schreckenszahlen: Der Fernseher bleibt aus.




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