Letztes Update am Mo, 18.06.2012 16:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zeitmesser mit Nachtruhe

Die Sonnenuhren erleben weltweit eine Renaissance. In Österreich sind die Solar-Zeitmesser besonders beliebt und zieren auch viele Privathäuser. Selbst bei exakter Berechnung gehen die meisten im Sommer allerdings falsch.



Von Elke Ruß

An die 4000 Sonnenuhren messen bereits österreichweit an Kirchtürmen und Hausfassaden oder in Parks die Zeit, schätzt Karl Schwarzinger aus Sistrans. Bis 2006 hatte der Experte aus Leidenschaft mit seinen Helfern in der Arbeitsgemeinschaft Sonnenuhren im Astronomischen Verein „erst“ 3341 Solar-Zeitmesser erfasst. Etwa 400 Sonnenuhren gibt es allein in Tirol, das mit Peter Anich einen berühmten Konstrukteur vorweisen kann. Die Anich-Uhr an der Pfarrkirche Natters ist in Schwarzingers Augen gar „die schönste Sonnenuhr in ganz Österreich“.

Wie er sich den Boom erklärt? „Die Österreicher schmücken gern ihre Häuser, besonders am Land. Früher hatten sie viele Heiligenbilder.“ Mitunter haben Maler das Motiv auch derb abgewandelt – wie beim „Sonnenarsch“ auf dem Gasthof zum Stern in Oetz.

Als Väter der Sonnenuhren gelten die astronomisch versierten Babylonier. Von ihnen lernten die Griechen, berichtete Geschichtsschreiber Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. „Sehr früh dran“ waren laut Schwarzinger auch die Chinesen und Ägypter. Die wohl älteste erhaltene Sonnenuhr wurde im Grab von Pharao Thutmosis III. (um 1400 v. Chr.) gefunden: Sie war ein schlichtes L-förmiges Gebilde mit Löchern, das vermutlich in Ost-West-Richtung aufgestellt wurde, der wandernde Schatten zeigte die Zeit an. Das fragmentarisch erhaltene Stück ist im Besitz des Ägyptischen Museums in Berlin.

Eine wichtige Rolle spielten die Sonnenuhren bald für die Religionen, erinnert Schwarzinger an die fixen Gebetszeiten in den Klöstern. „Es gab Gebetsuhren, bei denen die Striche nicht für die Stunden, sondern für die Gebetszeiten eingetragen waren. Sie funktionierten mit der Sonne bzw. mit Kerzen.“ Selbst als im 15./16. Jahrhundert die ersten Räderuhren auftauchten, wurde die Sonnenuhr als Kontroll­instrument gebraucht: „Man war froh, wenn die Räderuhr auf eine Viertelstunde genau ging. Daher kommt übrigens das akademische Viertel.“

Wer nun glaubt, eine Sonnenuhr sei leicht nachzubauen, irrt. Schließlich dreht sich die Erde stetig um die Sonne, bloß einen Stab in die Erde zu stecken und jede Stunde einen Strich zu ziehen, ergibt ein korrektes Ergebnis für nur einen Tag. „Es geht nur mit einem Stab, der parallel zur Erdachse ist“, erklärt Schwarzinger. Orientierung biete der Sternenhimmel: „Stellt man den Stab so, dass er zum Polarstern zeigt, ist er auch ziemlich parallel zur Erdachse.“

Sein Hobby entdeckte der heute bald 84-Jährige kurz vor der Pensionierung als Vermesser zufällig: Bei einem Besuch in Oberperfuss fiel ihm die sanierungsbedürftige Peter-Anich-Sonnenuhr auf. Es könne ja nicht so schwer sein, den Stab neu einzurichten, befand Schwarzinger und nahm den Auftrag des Bürgermeisters an. Dann folgte ein langes Selbststudium, heute hat er ein Computerprogramm, um aus Parametern wie der geographischen Breite und dem Winkel der Hauswand zur Ost-West-Richtung eine genaue Uhr zu entwickeln.

Inzwischen hat Schwarzinger bei allen neun erhaltenen Anich-Uhren in Tirol die Stäbe neu eingerichtet und selbst an die 100 Uhren konstruiert. Die am weitesten entfernte Uhr kennt er nur von einem Foto: Sie steht in einem Park in Argentinien und wurde nach einem Entwurf gebaut, den er nach einer Architektenanfrage per E-Mail übermittelte.

Vom praktischen Nutzen her hat die Sonnenuhr heute ausgedient, räumt auch der Sistranser mit niederösterreichischen Wurzeln ein. „Aber sie ist eine der ältesten Erfindungen der Menschheit und nicht ausgestorben! Es werden immer wieder welche gebaut, es gibt auch fast kein Land mehr, das keinen Verein hat“, weiß der Experte, der sich inter­national austauscht. „Es werden sogar neue Typen entwickelt“, kennt er ein Modell mit eingebauter Elektronik und Digitalanzeige: „Sie zeigt die Zeit auf einem Display an – wenn die Sonne scheint.“

Elektronik hin oder her: Heute gehen viele Solar­uhren wegen der Sommerzeit sieben Monate im Jahr falsch. Das muss nicht sein, betont Schwarzinger: „Man kann die Uhr so bauen, dass sich die Ziffern austauschen lassen oder ein zweites Zifferblatt machen. Es gibt neuere Uhren, die haben das.“




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