Letztes Update am Mi, 20.03.2013 17:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

„Großer Nachholbedarf bei Medienkompetenzen“

Medienpädagoge Theo Hug vom Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung in einem E-Mail-Interview mit TT.com über die Gefahren in Sozialen Netzwerken.



Innsbruck – Die Facebook-Seite „Tirols Minuskinder“ hat Anfang dieses Jahres unter Tirols Jugendlichen und Eltern für viel Empörung gesorgt. Dort wurden unerlaubterweise Fotos hochgeladen, die gezeigten Kinder und Jugendlichen wurden in dem Sozialen Netzwerk als „Minuskinder“ an den Pranger gestellt. Der deutsche Psychiater Spitzer hat vergangenes Jahr mit seinem Buch „Digitale Demenz“ für eine heftige Debatte gesorgt. Seine These lautet digitale Medien machen unsere Kinder u.a dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.” Würden Sie diese Aussage angesichts solcher Mobbing-Seiten unterschreiben?

Theo Hug: Nein, ich kenne auch keine seriösen Wissenschaftler/innen, die diese pauschale Aussage unterschreiben würden. Freilich ist die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen angesichts dramatischer Einzelfälle verständlich. Die Verbreitung von derart verkürzten und einseitigen Thesen eines Populisten, der weder im eigenen Fach noch in der Medienpädagogik Anerkennung findet, ist aber eher Teil des Problemzusammenhangs. Wir haben es hier mit komplexen Dynamiken zu tun, deren Zusammenspiel erst in Ansätzen erforscht worden ist. Da ist es untragbar, wenn mit den Sorgen von Eltern und den Ängsten und Befürchtungen von Erziehungsverantwortlichen so fahrlässig umgegangen wird. Außerdem helfen die Verbotsstrategien nicht weiter.

Was bedeutet Cybermobbing aus Ihrer Sicht für Betroffene? Wie kann man sich beziehungsweise seine Kinder schützen? Oder halten Sie die Medienkompetenz für ausreichend?

Hug: Die Bedeutung für Betroffene kann nicht so ohne weiteres verallgemeinert werden. Das Spektrum reicht da von unerquicklichen Einzelerfahrungen, aus denen schnell gelernt wird, bis zu ernsten Traumatisierungen, die professionelle Beratungsleistungen erfordern.

Das Anliegen sich und seine Kinder zu schützen ist einerseits richtig und wichtig, andererseits greifen bewahrpädagogische Ansätze und Strategien zu kurz. In der Medienpädagogik gibt es unterschiedliche Handlungsansätze und Konzepte für eine altersangemessene Medienbildung von Kindern und Jugendlichen. Gespräche mit kompetenten Medienpädagog/inn/en und deren Beratungs- und Unterstützungsangebote helfen weiter, wenn es darum geht mit konkreten Situationen und Erfahrungen gut umzugehen. Dabei kann man zum Beispiel lernen, dass solche unguten Aktionen nicht einfach eine Wirkung eines bösen Mediums sind, sondern erst im Zusammenhang medienkultureller und gesellschaftlicher Entwicklungen sowie lebensweltlicher, familialer und sozialer Dimensionen nachvollziehbar werden. In einer Gesellschaft, in der man mit falschen Darstellungen (gemeint ist im doppelten Sinne von sachlich und moralisch falschen Darstellungen) in verschiedensten Lebenslagen weiter kommen kann, ja mitunter sogar prestigeträchtige Karrieren machen kann, darf man sich nicht wundern, wenn eine Gruppe von Jugendlichen auch mit falschen Darstellungen experimentiert.

Medienkompetenzen müssen weiter gefördert werden, da gibt es in Österreich einen großen Nachholbedarf. Allerdings kann es dabei nicht alleine um technische Kompetenzen gehen. Kommunikationskulturelle sowie ethische und ästhetische Aspekte, wie sie meistens unter dem Begriff ‚Medienbildung‘ diskutiert werden, müssen vorrangig Beachtung finden (vgl. die Initiative „Keine Bildung ohne Medien“ www.keine-bildung-ohne-medien.de/ ). Selbst in den jüngsten Diskussionen um die „PädagogInnenbildung Neu“ kommen solche Aspekte derzeit noch viel zu kurz.

In den meisten Kommentaren auf der Minuskinder-Facebook-Seite wurde vor allem Empörung darüber geäußert, dass jemand so etwas macht. Überwiegt also doch „das Gute“ in der jugendlichen digitalen Gemeinde? Die Seite war aufgrund zahlreicher Proteste schließlich nur wenige Tage online.

Hug: Ohne hier auf eine Analyse der Kommentare zurückgreifen zu können, sollten wir uns fragen, wie und unter welchen Bedingungen die Einträge auf der betreffenden Seite zustande kamen. Sicher ist, dass eine differenzierte Betrachtung eher zur Aufklärung beitragen wird als die pauschale Rede vom „Guten in der jugendlichen digitalen Gemeinde“. Außerdem sollten wir uns klar machen, dass wir große Summen in Technologieförderungen investieren, aber nur unverhältnismäßig kleine Beträge in Medienkompetenzförderung und medienbezogene Aus- und Fortbildungsangebote. Der Bedarf an solchen Angeboten zur Elternbildung und auch zur Weiterbildung von Lehrer/innen und Kindergartenpädagog/inn/en ist unübersehbar geworden.

Im Internet herrscht ein rauer Ton. Trolling und Shit-Storms sind an der Tagesordnung. Geben wir unseren Kindern ein schlechtes Beispiel oder fördern die digitalen Medien tatsächlich eine brutalere Art der Kommunikation? Wenn ja, wodurch?

Hug: Wie gesagt, die digitalen Medien haben nicht einfach für sich schon den Effekt brutalere Kommunikationsformen zu fördern. Wenn wir zum Beispiel die strukturellen Veränderungen öffentlicher und privater Lebenszusammenhänge und deren Verhältnis in den Blick nehmen, können wir besser verstehen, welche Bedeutung die einzelnen Kommunikationsformen haben und welche Rolle die Medien dabei spielen.

Kinder und Jugendliche sind auf Facebook auch ständig der Bewertung ausgesetzt bzw. scheinen diese verinnerlicht zu haben - auch wenn auf Facebook-Seiten wie „IBK Bitches“ nicht immer klar ist, ob die Jugendlichen ihre Fotos selbst hochladen. Neben dem Foto steht dann die Frage „Hot oder Not“. Manchmal erst 12-Jährige Mädchen versuchen sich in selbstgemachten Handyfotos in sexy Posen. Und auch die jungen Burschen zeigen sich mit nackten Oberkörper. Ist ein gewisser sexistische Druck Sozialen Netzwerken wie Facebook sozusagen bereits eingeschrieben? Schließlich war die Grundidee von Facebook-Gründer Zuckerberg immer zwei Fotos von Mädchen nebeneinander zu stellen, die jeweils hübschere wird weitergewählt.

Hug: Nein, ich denke nicht, dass ein sexistischer Druck Sozialen Netzwerken wie Facebook bereits eingeschrieben ist. Es ist allerdings erstaunlich, wie wenig Kritik die seinerzeitige Grundidee von Herrn Zuckerberg erfahren hat, wie wenig insgesamt der Verlust an Privatheit als bedeutsam oder problematisch erfahren wird, und wie naiv Privatheit zugunsten einfacher Kontaktmöglichkeiten oder scheinbar kostenloser Unterhaltungsangebote aufgegeben wird.

Auch Jugendliche scheinen auf Facebook nach „Likes“ zu gieren. Wer viele Likes kriegt und viele Freunde hat, ist „Fame“. Was halten Sie davon?

Hug: So kann man das nicht verallgemeinern. „Gieren“ ist außerdem ein starkes Wort. Wenn Sie an schwächere Formen denken, geht es uns doch allen ein bisschen so ;-) Sie haben es doch auch gerne, wenn Ihre journalistischen Beiträge geschätzt oder eben „gelikt“ werden?

Zum Thema „Likes“ und „Fame“ würde ich gerne mit interessierten Studierenden ein kleines Forschungsprojekt machen, in dem wichtige Aspekte von A wie Anerkennung bis Z wie Zumutung erfahrungsnahe beforscht werden. Soziale Netzwerke bieten Chancen sowohl für positive als auch für problematische narzisstische Entwicklungsdynamiken. Das müsste aber im Detail untersucht werden.




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