Letztes Update am Mi, 08.08.2012 20:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mit Herz, Geist und Muskelkraft

Beim Outreach-Festival wurde am Samstagabend ausgiebig Finale gefeiert.



Schwaz – „How much is enough? How much is too much?“ Die von Sängerin und Komponistin Susanna Ridler in ihrem Kompositionsauftrag für Outreach gestellten Fragen waren wohl die essenziellen Fragen des unter das Motto „No Fear“ gestellten Festivals. Ging es doch darum, durch Finanzskandale geschürten Existenzängsten mit entschiedenem Lebensmut zu begegnen. Ob Ridlers von ihrer Gruppe [koe:r] realisiertes Werk dazu angetan war, Ängste zu nehmen, sei dahingestellt, die Qualität des Werkes sorgte aber für volle Konzentration im Atrium des Paulinums Schwaz. Es war ein raffiniertes Spiel mit Echowirkungen, sich überlagernden Soundcollagen elektronischer Natur und ein Hereinstürzen sich verdichtender Wortkaskaden. Die vokalen Ausdrucksformen reichten von Summen und Säuseln bis hin zu lautstarkem Winseln und Heulen.

Dass der estnische Gitarrist Jaak Sooäär zu den besten Jazzmusikern seines Landes zählt, stellte er mit seinem Trio unter Beweis. Eindeutig dem Jazzrock zuzuordnen, servierte er mit unbändiger Spiellust von ihm arrangierte Werke der estnischen Komponistin Miina Härma, deren Werke im ganzen Land zu allen erdenklichen Anlässen angestimmt werden. Sooäär servierte sie mit wieselflinken Läufen, knackigen Riffs, gekonnt strukturiert und gebrochen mit Akkorden der Marke Barree-Griff, um dann ungemein melodieselig emotionelle Tiefen des Liedgutes auszuloten. Für den Auftakt sorgten einmal mehr Newcomer, die so genannten Young Lions. Diesmal waren es drei Löwinnen um die Saxophonistin Sophie Hassfurther, die allesamt zu wunderbaren Formulierungen fanden. Wer an Hardbop denkt, kommt am Pianisten Kirk Lightsey nicht vorbei. Auf Einladung des Posaunisten Paul Zauner zeigte die in Paris lebende Hardbop-Legende mit dem legendären Saxophonisten Carlos Garnett, was in diesem Genre des Jazz das Maß der Dinge ist. Nichts anderes als Melodien, Harmonien und Rhythmen – sich manchmal so dicht überlagernd, dass jeder, der sich nicht immer wieder an einzelnen Instrumenten orientiert, das Schichtengebirge vielleicht als Chaos empfindet. Im Team mit dem Paul Zauner Quintett war man zwar nicht perfekt eingespielt, aber das störte wohl niemanden.

Zum großen Finale und live zur „Langen Nacht des Jazz“ auf Ö1 präsentierte Festivalveranstalter Franz Hackl sich und sein Outreach Orchestra. Mit Joe Zawinuls D-flat Waltz in die Ohren und Herzen der Zuhörer vorgedrungen, demonstrierten Hackl und Co. musikalische Muskelkraft und Feinsinn. Eine perfekte Synthese aus Melodie und Free, bei der melodische und soundorientierte Sophistication, Groove und Rhythmik gleichberechtigte Rollen spielten. Nach sieben Stunden Jazz war den meisten Zuhörern tatsächlich immer noch nach mehr. (hau)




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