Letztes Update am Di, 07.08.2012 09:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schwimmstar Jukic im Interview: „Ich habe zu lange geschwiegen“

Österreichs große Schwimmhoffnung Dinko Jukic sorgte in London mit der bislang besten Platzierung und einem verbalen Rundumschlag für hohe Wellen. Im TT-Interview konkretisiert der 23-Jährige.



London – Dinko Jukic nützte die Plattform Olympische Sommerspiele. Während Markus Rogan mit ungeschickten Interviews und unbefriedigender Leistung Kopfschütteln erntete, ließ Dinko Jukic mit sportlich einwandfreier Leistung und der Kritik am heimischen Sportsystem aufhorchen. Der Bruder von Ex-Schwimmerin Mirna Jukic ging im TT-Gespräch näher darauf ein, warum er sich für den Robin Hood des heimischen Sports hält.

Über Ihre sportliche Bilanz kann man bei den Olympischen Spielen im allgemeinen Lamento nur Gutes sagen.

Jukic: Ich hatte zwei Karriere­bestleistungen in meinen wichtigsten Rennen der Saison, das ist unglaublich! Es hat nicht sollen sein mit Medaillen, aber ich habe im Hinblick auf die Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (BRA) noch gute Ressourcen und Zeit.

Sie ließen bei den obligaten Interviews im Anschluss an diese Rennen aber vor allem mit Kritik am Schwimmverband aufhorchen, weniger mit einer Analyse Ihrer eigenen Leistung. Woran krankt es?

Jukic: Es könnte vieles einfacher sein, wenn man zielorientiert arbeiten würde. Wir sollten etwa in meiner Sportart damit anfangen, endlich als Team aufzutreten, aber das schaffen wir nicht, weil die Trainer nicht miteinander können. Das muss der österreichische Verband regeln, denn so etwas verlangt die Professionalität. So ist es in Australien, in Kanada, in den USA, sogar in Dänemark, die weniger Sportler hier in London gehabt haben. Die Dänen haben mir sogar angeboten: ,Komm‘ zu uns, trainier‘ mit uns. Du hast immer einen Physiotherapeuten, immer deine Kontrollen, jemand von der Mannschaft unterstützt dich. Da werden Leute als Trainingspartner eingebunden. Das gibt es bei uns nicht. Und ich würde mir wünschen, dass es in der Richtung professioneller wird.

Das heißt: Wir haben das Potenzial für Medaillen, schöpfen das aber nicht aus?

Jukic: 2004 und 2008 haben wir Olympiamedaillen im Schwimmen geholt, über das Potenzial brauchen wir nicht zu reden.

Ließe sich Ihre Kritik auch auf das heimische Sportsystem ummünzen? Schließlich betrifft die Medaillenflaute in London nicht nur den Schwimmsport.

Jukic: Ich glaube, dass sich jetzt langsam etwas herauskristallisiert, dass man in die Spitze anders investieren sollte, dass sich manche Institutionen nur für die Spitze verantwortlich sehen sollten. Und ich glaube, dass wir mit Österreichischen Olympischen Komitee, das derzeit am Ruder ist, am richtigen Weg sind.

Vielleicht gibt es zu viele Ämter, Verbände, Anlaufstellen. Sollte man das Fördersystem zentralisieren?

Jukic: Wir haben tatsächlich sehr viele Institutionen, die haben wir in der Kultur beispielsweise nicht. Aber in der Kultur sind wir wirklich ordentlich unterwegs, da können wir mit breiter Brust in die Welt schauen, da haben wir uns Respekt verschafft. Wenn aber im Sport eine Förderanfrage über fünf, sechs, sieben, acht Ecken kommt, stellt sich schon eine Frage. Denn der Sportler braucht das Geld dringend.

Sie sind im kroatischen Dubrovnik auf die Welt gekommen. Wie viel verbindet Sie noch mit Ihrem Geburtsland, welches Land tragen Sie in Ihrem Herzen?

Jukic: Ich bin mit ganzem Herzen stolz, Österreicher zu sein. Und in meinem Rennen bin ich, um das zum Ausdruck zu bringen, auch mit rot-weiß-roter Badehose angetreten. Und ehrlich: Es tut ein bisschen weh, dass ich bester Österreicher bin, denn ich hätte mir eine Medaille für unser Land wirklich gewünscht. Ich bin guter Dinge, dass das noch passieren wird. Ich fühle mich als Österreicher, bin dem Land dankbar dafür, was es mir ermöglicht hat, dass ich meinen Sport, meine große Liebe ausüben kann. Und das wird von den entsprechenden Leuten hoffentlich auch in naher Zukunft so gesehen, die vielleicht auch mir für meine Leistung dankbar sind.

Dennoch schrecken Sie nicht davor zurück angesichts der Kalamitäten von Rücktritt und Nationenwechsel zu sprechen.

Jukic: Den Nationenwechsel hab‘ ich nie erwähnt, das sagte der Schwimmverbands-Präsident, weil er keine Argumente mehr hat. Ich habe den Rücktritt außerdem in einem anderen Zusammenhang erwähnt: Wenn man meint, dass man mich als einzigen Schwimmer, der eine Leistung bringt, suspendieren zu müssen (aufgrund der öffentlich geäußerten Kritik, Anm.), dann habe ich mit diesem Verband nichts mehr zu tun. Dann werde ich mir einen anderen Weg suchen, in eine andere Sportart, eine andere Funktion wechseln oder als stinknormaler Bürger mit Studium und einem anderen Ziel weitermachen.

Warum suchen Sie ausgerechnet jetzt die öffentliche Konfrontation?

Jukic: Nachdem man acht Jahre alles schöngeredet hat, muss man sich angesichts der Bilanz selbst fragen: Was kann ich besser machen? Ich trainiere jeden Tag und zeige meine Leistung. Manche Verbandsleute hingegen arbeiten jeden Tag: Wo ist ihre Leistung?

Doch warum gerade jetzt, bei den Spielen?

Jukic: Ich habe zu lange geschwiegen. Ich hätte 2006 als Jugend-Olympiasieger schon die Möglichkeit gehabt, aber ich war im guten Glauben, dass etwas passiert. Wenn mir ein Funktionär drei Tage vor dem Wettkampf in Rio de Janeiro sagt: „Jetzt müssen wir uns endlich einmal die Christus-Statue anschauen“, dann hat er für mich im Sport nichts verloren.

Kennen Sie in anderen Ländern oder Verbänden eine ähnliche Situation?

Jukic: Wir haben einen sehr guten Kontakt zur Familie Kostelic (Skisport, Anm.). Wir wissen auch über ihre Problematik als kleiner Verband und wissen, dass sie nicht mit allem zufrieden sind.

Wie intensiv ist Ihr Kontakt? Und besuchen Sie die Rennen von Ivica Kostelic?

Jukic: Unsere Väter haben früher gemeinsam in einer Turnhalle gearbeitet. Mein Vater war Basketballtrainer, der Vater von Ivica und Janica Handballtrainer. Mirna und Janica sind gemeinsam aufgewachsen, wir haben die Handynummern voneinander und hören uns auch hie und da. Ein Rennen ging sich heuer leider nicht aus.

Wie sieht Ihr Programm in der zweiten Olympia-Woche aus, was haben Sie vor?

Jukic: Ich werde mir noch den einen oder anderen Bewerb anschauen, dann Urlaub machen und die Zeit genießen.

Schwimmt Dinko Jukic denn auch im Urlaub?

Jukic: Er spielt mehr Beachvolleyball als er schwimmt. Und wenn er schwimmt, dann nur, um sich den Sand runterzuwaschen und sich abzukühlen. Jetski ist sehr angesagt, Beachvolleyball und Tennis sind an der zweiten Stelle. Wenn die Beine nicht mehr mitspielen, dann eben Tischtennis.

Das Gespräch führte Florian Madl




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