Letztes Update am So, 10.05.2015 17:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


70 Jahre nach dem Krieg

Großer Gedenktag mit Tausenden Besuchern in Mauthausen

70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, gedachten am Sonntag 22.000 Menschen aus der ganzen Welt den Ereignissen. Überlebende schilderten ihre Erinnerungen.

Überlebende und tausende Besucher nahmen an der internationalen Gedenkfeier teil.

© APAÜberlebende und tausende Besucher nahmen an der internationalen Gedenkfeier teil.



Mauthausen – In der Gedenkstätte Mauthausen haben am Sonntag rund 22.000 Menschen aus aller Welt – darunter rund fünfzig Überlebende – der Befreiung des Konzentrationslagers (KZ) durch US-Truppen vor siebzig Jahren gedacht. „Die Unmenschlichkeit von damals bekämpfen wir am Besten, indem wir die Unmenschlichkeit von heute bekämpfen“, forderte der Vorsitzende des Mauthausen Komitee Österreich Willi Mernyi Solidarität mit Verfolgten.

Die traditionelle Befreiungsfeier stand heuer unter dem Thema „Steinbruch und Zwangsarbeit“. Im KZ Mauthausen mussten sich Gefangene im Steinbruch zu Tode schuften, „Vernichtung durch Arbeit“ lautete das Ziel. Insgesamt waren in Mauthausen und seinen zahlreichen Nebenlagern rund 200.000 Personen aus aller Welt interniert. Rund 100.000 fielen der Todesmaschinerie zum Opfer. Wie viele ehemalige Häftlinge heute noch leben, ist nicht bekannt.

Gedenkzeremonien mehrerer Abordnungen

Bereits seit der Früh hielten Abordnungen unterschiedlicher Volks-, Religions- und Gesinnungsgemeinschaften eigene kleine Gedenkzeremonien ab. Zur offiziellen Befreiungsfeier zogen, begleitet von Chören aus aller Welt und der oberösterreichischen Militärmusik, die Abordnungen dann über den Appellplatz ein. Die Schauspielerinnen Mercedes Echerer und Konstanze Breitebner verlasen Berichte ehemaliger Gefangener. Unter den Ehrengästen waren Bundespräsident Heinz Fischer, Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ), ein großer Teil der Bundesregierung mit Kanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) an der Spitze, EU-Kommissar Johannes Hahn sowie etliche ausländische Staatsgäste.

Überlebende erinnerten sich an Erlebnisse

Mernyi erinnerte in seiner Ansprache an den Ausbruchsversuch von 500 russischen Offizieren aus dem KZ im Februar 1945. Nur elf überlebten diese „Hasenjagd“, der Rest wurde „erschossen, erschlagen, erstochen von SS und Polizei, aber auch von der Hitlerjugend und der normalen Bevölkerung“. „Die Unmenschlichkeit von damals bekämpfen wir am Besten, indem wir die Unmenschlichkeit von heute bekämpfen“, forderte Mernyi Solidarität mit jenen ein, die „heute nicht aus Europa sondern nach Europa flüchten und im Mittelmeer ihr Leben riskieren“.

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In eine ähnliche Kerbe schlug auch Max R. Garcia, ein Überlebender, der sich Journalisten stellte: „In Afrika erschießen sie jeden, Frauen, Kinder, Männer“, bezweifelt er, dass die Menschheit aus der Geschichte gelernt hat. Es sei aber wichtig, immer wieder über die Geschehnisse von damals mit der Jugend zu reden, ist er überzeugt: „Wenn die Leute kommen, das freut mich, deshalb bin ich als Zeitzeuge hier.“

Ein Besucher erinnerte mit einer Häftlingsnummer an die Opfer von Mauthausen.
Ein Besucher erinnerte mit einer Häftlingsnummer an die Opfer von Mauthausen.
- REUTERS

„Weil ich Jude bin“

Aba Lewit, ebenfalls ehemaliger Mauthausen-Insasse, schilderte, wie er mit 16 in ein Arbeitslager und über mehrere Stationen schließlich nach Mauthausen kam, wo er bis 1945 interniert war, nur „weil ich Jude bin“. Was es für ein Gefühl sei, wieder hier zu sein? „Ausdrücken kann ich es nicht.“ Er erzählt er, wie er Zeuge wurde, dass Menschen getötet wurden und wie ihm nach einer Schusswunde die Kugel mit einem Taschenmesser entfernt und er sechs Monate im KZ versteckt wurde. Seine schlimmste Erinnerung sei aber, „dass ich überlebt habe und andere nicht“.

Die Befreiungsfeier 2016 findet am 15. Mai statt. Sie wird unter dem Thema „Solidarität“ stehen.

Buch über KZ-Schicksale dreier Mütter

Ein Buch mit den Lebensgeschichten von drei Müttern und ihren Kindern, die den Holocaust überlebt haben, ist in einer Pressekonferenz am Samstag in der KZ-Gedenkstätte vorgestellt worden. Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) präsentierte es im Beisein der drei Kinder.

In „Born Survivors. Three young mothers and their extraordinary story of courage, defiance and survival“ schildert die britische Autorin und Biografin Wendy Holden die Schicksale von Priska Löwenbein, Rachel Friedmann und Anka Bergmann. Sie wurden 1944 aus verschiedenen Ländern nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie ihre Ehemänner verloren. Sie kannten sich nicht, hatten aber gemeinsam, dass jede von ihnen ein Kind erwartete. Um deren Leben zu schützen, mussten sie die Schwangerschaften so lange wie möglich geheim halten.

Die drei Frauen wurden mehrmals verlegt. Im Lager Flossenbürg kam Hana Berger-Moran zur Welt. Auf dem Bahntransport nach Mauthausen kurz vor Kriegsende, auf dem über tausend Menschen ihr Leben verloren, wurde Mark Olsky geboren. Das dritte der Kinder, Eva Clarke, wurde in Mauthausen geboren, wenige Tage bevor der Betrieb der Gaskammern eingestellt wurde.

Die Innenministerin dankte den Zeitzeugen dafür, dass sie an ihrem Schicksal teilhaben lassen. Der Autorin dankte sie, dass sie diese Geschichten aufgegriffen hat. Bücher wie diese seien ein wertvoller Beitrag gegen das Vergessen. „Mit diesen Biografien wird Erlebtes in die Gegenwart transportiert. Und so werden die Erfahrungen der Überlebenden auch zu unseren Erfahrungen, die wir nicht vergessen können“, stellte Mikl-Leitner fest.