Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 21.08.2015


Exklusiv

Pflegeeltern sein ist kein Kinderspiel

In Tirol sind mehr als 220 Pflegekinder in einem neuen, schönen Zuhause untergebracht. In seltenen Fäl­len kann die heile Welt einer solchen Patchwork-Familie aber von einem Tag auf den anderen zerstört werden.

© Rund 225 Pflegekinder leben derzeit in Tirol bei verschiedenen Familien.Symbolfoto: iStock



Von Eva-Maria Fankhauser

Schwaz – Das Lächeln eines Kindes ist unbezahlbar. Das wissen auch zahlreiche Tiroler Familien, die sich dazu entschieden haben, ein Pflegekind in ihr Zuhause aufzunehmen. So auch eine Familie aus dem Zillertal. „Wir wollten einem Kind helfen und ihm ein schönes Zuhause bieten“, erzählen sie im TT-Interview. Doch wie vergänglich diese Familienidylle sein kann, zeigen Fälle, in denen das Pflegekind den Eltern wieder genommen wurde.

Tirolweit gab es laut einer Statistik des Landes Tirol mit Stand 31. Dezember 2014 insgesamt 225 Pflegekinder, die in die Obhut verschiedener Familien gekommen sind. Die Freude war vor vier Jahren groß, als die Zillertaler Pflegeeltern das sechs Monate alte Pflegekind in die fünfköpfige Familie aufnahmen. „Das Baby wurde von unseren drei leiblichen Kindern sofort akzeptiert und es funktionierte so gut, dass wir zwei Jahre später ein weiteres Pflegekind, allerdings nur für eine bestimmte Zeit, bei uns aufnahmen“, erzählt die Pflegemutter. Während das erste Pflegekind zur dauerhaften Obsorge zur Familie kam, war beim zweiten klar, dass es nur zwei Jahre bleiben konnte. „Das wäre sonst doch ein bisschen viel gewesen. Für uns waren sie alle wie unsere leiblichen Kinder“, erinnert sich die Pflegemutter.

Vier Jahre später zerbrach diese heile Welt. Per Gerichtsbeschluss wurde die alleinige Obsorge an den leiblichen Vater des Kindes übertragen. „Für uns war das ein Schock. Denn eigentlich bekommt man ein Kind zur dauerhaften Pflege nur dann anvertraut, wenn sicher ist, dass die Elternteile keine Ansprüche stellen“, klagt die Pflegemutter. Sie kämpften um ihr Pflegekind. Doch als sie merkten, dass die Situation für den kleinen Spross einfach zu viel wurde, gaben sie zum Wohle des Kindes auf. Schweren Herzens: „Ich leide, die ganze Familie leidet.“

Doch Pflege bedeutet nicht Adoption und somit greifen hier spezielle rechtliche Normen. In der Pflegeelternschaft gibt es Mindestrechte der leiblichen Eltern, wie etwa das Recht, Kontakt mit dem Kind zu haben oder über schwere Erkrankungen und wichtige Ereignisse informiert zu werden. Ein weiterer Unterschied liegt in der Pflegeaufsicht. Pflegeeltern sind verpflichtet, mit den zuständigen Sozialarbeitern zusammenzuarbeiten.

In zahlreichen Internetforen tun künftige Pflegeeltern ihre Angst kund, das aufgenommene Kind möglicherweise wieder zu verlieren. Diese Sorge kennen die Pflegeeltern aus dem Zillertal nur zu gut. Aus ihrer Sicht orten sie den Fehler bei der Kinder- und Jugendhilfe. In ihrem speziellen Fall hätte man das Kind erst gar nicht zur dauerhaften Pflege freigeben dürfen, da der leibliche Vater nicht bekannt war. Zudem fehlten der Pflegemutter Informationen, vor allem ab dem Zeitpunkt, als das Kind die Pflegefamilie verlassen musste. Tagelang habe sie nicht gewusst, wie es dem Kind geht. „Es kam mir vor, als wären alle Parteien froh gewesen, dass wir den Kampf, diese Tortur vor Gericht, aufgegeben und die Obsorge abgetreten haben“, erklärt sie traurig.

Die Kinder- und Jugendhilfe sieht das freilich anders. Laut der Pressestelle des Landes Tirol komme den Pflegeeltern je nach Bedarf Hilfe in Form von Information oder psychologischer Betreuung zu. Der Direktor des Landeskinderheimes Axams, Dietmar Mutschlechner, hat täglich mit Pflegekindern zu tun und weiß, dass Fälle mit dramatischem Ausgang selten passieren. „Ich bin seit 34 Jahren im Geschäft und habe lediglich drei Fälle selbst erlebt, wo es mit Tränen auf der einen oder anderen Seite geendet hat“, erläutert er.

Rechtlich gesehen ist eine Pflege kein Kinderspiel. Daher nimmt das Bundesministerium für Justiz die derzeitige Rechtslage genauer unter die Lupe. Seit Anfang des Jahres wurde eine Arbeitsgruppe zum Thema „Reformbedarf Pflegekindschaftsrecht?“ eingerichtet, die bislang dreimal tagte. „Darüber hinaus wird im November eine österreichweite Fachtagung zu diesem Thema stattfinden, deren Ergebnisse ebenfalls in die Arbeitsgruppe einfließen werden“, verrät Dagmar Albegger, Ressortmediensprecherin des BMJ. Ein weiteres Pflegekind aufzunehmen, kommt für die Familie nicht mehr in Frage. „Das war einfach zu viel des Guten. Wir haben zu viele negative Seiten kennen gelernt. Noch einmal tun wir das unserer Familie nicht an“, ist sich die Pflegemutter sicher.