Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 01.08.2015


Kitzbühel

Den 80. Geburtstag einmal anders feiern

Rolf Stang aus Gasteig verzichtete zu seinem 80. Geburtstag auf das Aufstellen eines Zelts und feierte stattdessen mit den Asylwerbern im Kirchdorfer Metzgerhaus. Ein Austausch, bei dem Gemeinsamkeiten entdeckt wurden.

© Verena HoferVor dem historischen Kirchdorfer Metzgerhaus hat Jubilar Rolf Stang (l.) mit Heidi Siber (M., Obfrau des Geschichts- und Heimatvereins), den Helfern und den eingeladenen Asylwerbern für das Foto posiert.Fotos: Hofer



Von Verena Hofer

Kirchdorf i. T. – Mit Freunden, Nachbarn und der Familie ein großes Fest zum 80. Geburtstag feiern, das wollte Rolf Stang nicht. Seit 30 Jahren wohnt der gebürtige Deutsch­e im Kirchdorfer Ortsteil Gasteig in der Sulzmühle. Tradition ist es, ein mehrtägiges Fest zum runden Ehrentag zu veranstalten und ein Zelt dafür aufzustellen. Heuer wollte Stang etwas anderes machen: „Die Zeiten waren früher sorgloser, von einem Asylwerber-Problem war schon gar nicht die Red­e.“ Eine Feier gab es nun im kleinen Rahmen im Kirchdorfer Metzgerhaus. Der Jubilar hatte die derzeit zehn Asylwerber aus der ehemaligen Volksschule zu Kaffee und Kuchen, zum Kennenlernen eingeladen.

Seit Anfang Mai sind die Flüchtlinge in Gasteig untergebracht, Kontakt hatte Stang bisher kaum. Vor Kurzem änderte sich das. „Ihr sollt euch daheim fühlen und nicht wie in einem Gefängnis“, erklärte der Jubilar auf Englisch. Stang ist in seiner beruflichen Laufbahn viel herumgekommen. Er war als Fotograf bei Erd­beben, aber auch bei Fußball-Weltmeisterschaften am Ort des Geschehens.

Wie besonders der Anlass für die Flüchtlinge ist, zeigte sich bei den Vorbereitungen. Das schönste Hemd wurde angezogen, ein Mann kam mit Schlips. „In meinem Auto roch es wie in einem Frisörsalon“, sagt Stang. Im Metzgerhaus, wo der Geschichts- und Heimatverein seine Wirkungsstätte hat, gab es Einblicke in die Kirchdorfer Geschichte. Parallelen zu den Herkunftsländern der Flüchtlinge wurden gezogen. „Ich habe fünf Jahre gelernt und arbeite als Sticker“, erklärt ein Iraker und zeigt auf seinem Handy, wie er in seiner Heimat Kleider bestickt hat. Darunter ein schönes Brautkleid. In Gasteig vertreibt er sich die Zeit, indem er Armbänder herstellt.

Viele Fotos wurden von den Ausstellungsstücken gemacht – die Gelegenheit zum Posieren, beispielsweise unter den Hirschgeweihen, genutzt. Die Begeisterung über die Abwechslung war groß. Neben den Trachten und traditionellen Kleidern, denen ein Schneidermeister besonders großes Interesse schenkte, waren vor allem die religiösen Bilder und Tischdecken ein Anziehungspunkt. Obfrau Heidi Siber erklärte die Exponate, Stang übersetzte die historischen Geschehnisse ins Englische und ein Asylwerber anschließend ins Arabische.

Völlig unerwartet kam das große Interesse auch für den Jubilar: „Sie sind an jedem Detail interessiert.“ Einen Film über das Kirchdorfer Dorfleben ab 1985 gab es im Anschluss, schmecken ließ man sich Kaffee und Kuchen. „Es ist das beste und wunderbarste Museum“, brachte ein Asylwerber seine Freude über den Tag auf Deutsch zum Ausdruck. Die Einladung war eine kurze Auszeit vom Alltag, der zum Großteil aus Warten besteht. Die lange Dauer des Asylverfahrens ist für die Männer unverständlich.