Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 11.09.2015


Bezirk Reutte

Syrer finden Bleibe im kleinen Gramais

Gramais hat gehandelt und wurde neue Heimat für eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien. Die Einwohnerzahl stieg damit um über 10 Prozent.

Sie lächeln wieder: Vater Issa und seine drei Söhne Jehat, Frhand und Ali (v. l.) haben gemeinsam mit Mutter Samiha (nicht im Bild) in Gramais Zuflucht gefunden.

© TscholSie lächeln wieder: Vater Issa und seine drei Söhne Jehat, Frhand und Ali (v. l.) haben gemeinsam mit Mutter Samiha (nicht im Bild) in Gramais Zuflucht gefunden.



Von Simone Tschol

Gramais – Kinderlachen dringt aus den Räumen der Pfarrwohnung in Gramais, der Duft von frisch gebackenem Brot erfüllt das Haus. Seit dem Wochenende ist die kleinste Gemeinde Österreichs neue Heimat einer syrischen Flüchtlingsfamilie. Vater Issa (37), Mutter Samiha (31) und ihre drei Söhne Frhand (9), Ali (6) und der kleine Jehat (knapp fünf Monate) sind angekommen.

„Wir haben uns schon letztes Jahr angeboten. Damals wurden wir abgelehnt. Aber Pfarrer Otto Walch und Pastoralassistent Paul Mascher haben nicht lockergelassen“, meint Vizebürgermeisterin Silvia Schöpf. Jetzt ging alles ganz schnell.

Mit der neuen Familie zog nicht nur Leben im Gemeindehaus ein, sondern auch arabische Gastfreundschaft. Als Willkommensgruß reicht Issa eine Tasse Tee.

„Wir sind sehr glücklich, dass wir hier sein dürfen. Wir wurden sehr nett empfangen“, erzählt Samiha in gebrochenem Englisch und noch sichtlich erschöpft von den Strapazen der letzten Monate. Die Familie stammt aus Kobane, einer Stadt an der Grenze zur Türkei, die durch die Kämpfe zwischen den Kurden und der Terrormiliz des IS traurige Berühmtheit erlangte. Kobane zählte einst 55.000 Einwohner. Dass Gramais „ein wenig“ kleiner ist, stört sie nicht. „Es spielt keine Rolle, ob groß oder klein. Alles ist besser als Bomben und Krieg“, meint die 31-Jährige mit einem zarten Lächeln im Gesicht. Dieses verfliegt jedoch rasch, als Samiha von ihrer Heimatstadt, dem Terror durch den IS und ihre Flucht nach Europa erzählt. „Der IS hat in einer Nacht mehr als 1000 Menschen getötet. Sie haben an die Türen geklopft und jeder, der aufgemacht hat, wurde getötet – erschossen oder geköpft. Ganze Familien wurden ausgelöscht“, erinnert sich Samiha und erzählt weiter: „Sie haben nichts übrig gelassen. Kein Haus, keinen Baum, nichts.“ Samiha und Issa verloren viele Freunde und Verwandte. Ihnen blieb nur die Flucht. Sie packten ihre zwei Söhne Frhand und Ali und machten sich zu Fuß auf den Weg in die Türkei. Dort wurde der kleine Jehat geboren. Mit einem Schlauchboot setzten sie auf die griechische Insel Tilos über, von dort führte der mühsame Weg über Athen, Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich.

Nach Monaten der Flucht finden sie in Gramais nun erstmals Ruhe. Vizebürgermeisterin Silvia Schöpf, die sich um die Familie kümmert, freut sich über die Neuankömmlinge: „Sie sind sehr nett. Und die Kinder sind schon jetzt voll integriert. Frhand war auch schon beim Fußballtraining in Elbigenalp mit dabei und alle waren ganz begeistert, wie gut er spielt.“ Und kaum fällt sein Name, linst der Bub schon zur Tür herein. Er will wissen, wann die Kinder von der Schule kommen. „Er kann’s gar nicht erwarten. Er fragt alle paar Minuten“, lacht Schöpf.

Die Gramaiser haben die neuen Mitbürger bereits mit dem Nötigsten versorgt. Auch ein Kinderwagen für Spaziergänge mit dem kleinen Jehat wurde bereitgestellt. „Hier ist alles so schön grün“, meint Samiha und ihr Mann ergänzt nach einem Blick auf die umliegenden Berge: „Schön, aber raufklettern werden wir nicht.“ Gespannt sind sie auch schon auf den Winter in den Bergen. Denn wie vieles andere hier ist ihnen Schnee gänzlich unbekannt.

Gestern durften Frhand und Ali erstmals zur Schule. „Ich wünsche mir nur, dass mein Mann Arbeit findet und unsere Kinder zur Schule gehen können. Sonst nichts“, blickt Samiha in eine ungewisse Zukunft. An Motivation mangelt es ihnen aber nicht. An der Wand hängt bereits ein Zettel mit dem Alphabet und den Zahlen. Auch für Samiha und Issa beginnt schon nächste Woche der Deutschunterricht.

Mit den fünf Syrern stieg die Einwohnerzahl von Gramais um 10,8 % – von 46 auf 51.

Mehrere Objekte zeitgleich bezogen

Am vergangenen Wochenende kamen nicht nur fünf syrische Flüchtlinge in Gramais unter (siehe Artikel links). Zeitgleich mit der Pfarrwohnung in Gramais wurden noch drei weitere Wohnobjekte im Bezirk bezogen. „Wir konnten in einem entsprechenden Haus in Elbigenalp eine Großfamilie mit 13 Personen unterbringen. Da sind, glaube ich, drei Generationen untergekommen und es ist sogar noch eine Uroma dabei“, erzählt der für den Bezirk Reutte zuständige Flüchtlingskoordinator Nick Rea. Hinzu kommen noch zwei Objekte in Ehrwald (Post und Rotes Kreuz), die insgesamt 27 Menschen ein vorübergehendes Zuhause bieten. „Derzeit geht es im Bezirk echt rund. Aber es läuft super“, zieht Rea eine vorläufige Bilanz.

Inzwischen konnten im Bezirk mehr als 150 Flüchtlinge aufgenommen werden, an die 20, die bereits länger hier sind, wohnen bereits privat.

Sowohl Nick Rea als auch BH Konrad Geisler sind auch für die nähere Zukunft zuversichtlich. Geisler: „Es herrscht eine sehr große Bereitschaft im Bezirk, Objekte für die Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen.“ Dem pflichtet auch Rea bei: „Auch im Tannheimer Tal stehen Objekte zum Bezug bereit.“

Die Zahl der Flüchtlinge ändert sich beinahe täglich. „Das geht oft ruck-zuck“, weiß Behördenleiter Geisler. Hier gelte es äußerst flexibel zu sein. (fasi)