Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.10.2015


Osttirol

Über sich selbst hinausgewachsen

Das Reha-Zentrum Ederhof am Iselsberg begleitet junge Menschen vor und nach Organtransplantationen. Zehn von ihnen loteten im Lienzer Alpenvereinshaus beim Klettern ihr persönliches Limit aus – und schafften es hoch hinaus.

Für sie ging es senkrecht nach oben – Markus, Marcel, Niklas, Elias, Christoph, Julia (hinten v. l.), Lea, Melanie, Ermina und Franziska (vorne v. l.).

© FunderFür sie ging es senkrecht nach oben – Markus, Marcel, Niklas, Elias, Christoph, Julia (hinten v. l.), Lea, Melanie, Ermina und Franziska (vorne v. l.).



Von Claudia Funder

Lienz, Iselsberg-Stronach – Das Versagen eines Organs ist immer eine drastische Erfahrung. Manche müssen schon sehr früh im Leben lernen, mit dieser gesundheitlichen Einschränkung und damit verbundenen Ängsten klarzukommen – etwa die jungen Patienten, die vor und nach Organtransplantationen im Rehabilitationszentrum Ederhof in Iselsberg-Stronach einchecken. Ziel der Einrichtung ist es, deren individuelle Situation zu verbessern sowie die Autonomie und damit die Lebensqualität zu erhöhen. Neben dem vielseitigen Therapieangebot steht das Erleben über alle Sinne – spielen, aktiv sein und Kraft schöpfen – auf dem Programm.

Eine Natursteinkletterwand zu erklimmen, war für viele Teilnehmer Neuland.
Eine Natursteinkletterwand zu erklimmen, war für viele Teilnehmer Neuland.
- Funder

Eine Aktion des Alpenvereins, Sektion Lienz, bot nun einmal mehr ein lohnendes Terrain für Abwechslung im Reha-Alltag. Zehn junge Patienten im Alter zwischen 16 und 23 Jahren – allesamt aus Deutschland – fanden sich in Begleitung von Betreuern und Pflegern des Ederhofes im Lienzer Alpenvereinshaus ein, um sich ganz auf das Abenteuer Klettern einzulassen. Angeleitet und motiviert von ÖAV-Profis, darunter Jugendwart Manuel Mascher, wagte sich die junge Truppe in die Vertikale. Mit dabei im Betreuerteam war auch Clemens Tschurtschenthaler, der Anfang April bei einem Lawinenunglück in den französischen Alpen schwer verletzt worden war. Ihm war die Teilnahme an der Aktion eine Herzensangelegenheit. „Ich weiß, was es heißt, eingeschränkt zu sein. Deshalb ist es mir ein großes Bedürfnis, heute mit dabei zu sein“, erklärt der 20-Jährige.

Manuel Mascher und Clemens Tschurtschenthaler (v. l.) machten die Kletteraktion zu einem außergewöhnlichen Erlebnis.
Manuel Mascher und Clemens Tschurtschenthaler (v. l.) machten die Kletteraktion zu einem außergewöhnlichen Erlebnis.
- Funder

Das gesamte Betreuerteam legte sich für die jungen Gäste mächtig ins Zeug. Neben kurzweiligen Boulderspielen und Seilklettern stand auch ein Crash-Kurs in Materialkunde auf dem Programm. Einige Teilnehmer wagten sich unbefangen die Kletterwände hoch, andere kostete es Überwindung, sich auf das „Neuland“ einzulassen. Der Nachmittag war in jedem Fall auch eine gute Gelegenheit, persönliche Grenzen abzustecken. „Es kostet Kraft, ist aber auch eine Denkaufgabe“, bringt es der 18-jährige Martin aus Zellingen auf den Punkt. Die 16-jährige Lea aus Hamburg, die schon vor drei Jahren hier klettern war, freut sich über die „schöne Abwechslung“. Noch nie in der Senkrechten hing hingegen Melanie aus Mainz, 17 Jahre: „Das ist völlig neu für mich.“

Die Herausforderung verlangte den jungen Patienten einiges ab. Aber unübersehbar war der Stolz über die Leistung, der sich auf dem Weg nach oben in den Gesichtern breitmachte. Das Klettern sorgte als willkommene Auszeit vor allem für eines: Spaß. Und zeigte den Teilnehmern, dass es sich lohnt, trotz Einschränkung immer wieder über sich hinauszuwachsen.

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