Letztes Update am Fr, 30.10.2015 15:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Österreich

Voting zum Wort des Jahres im Zeichen der Flüchtlingskrise

„Asyl à la carte“, die berühmt berüchtigten „besonderen baulichen Maßnahmen“ und sogar „Flüchtling“ selbst stehen unter anderem auf der Liste der österreichischen Wörter und Unwörter des Jahres. Per Online-Voting kann noch bis zum 3. Dezember auch über das Jugendwort und den Spruch bzw. Unspruch 2015 abgestimmt werden.

Diese und mehr Wörter sind Kandiaten in den Kategorien "Wort", "Unwort", "Jugendwort", "Spruch" und "Unspruch" des Jahres.

© iStock/TTDiese und mehr Wörter sind Kandiaten in den Kategorien "Wort", "Unwort", "Jugendwort", "Spruch" und "Unspruch" des Jahres.



Wien/Graz – „Situationselastisch“ war das österreichische Wort des Jahres 2014, ab sofort wird sein Nachfolger gesucht. Auf der Homepage http://www.oewort.at kann über Kreationen wie „Ampelpärchen“, „Intelligenzflüchtling“ - womit zum Beispiel Verfasser von Hasspostings gemeint sind - oder „Hopfensmoothie“ (im Bio-Trend für Bier, Anm.) abgestimmt werden. Am 3. Dezember werden die Ergebnisse bekannt gegeben.

Zum Voting

>> http://www.oewort.at

Das Thema Flüchtlinge dominiert heuer die Kandidatenliste völlig. Auch Unwort, Jugendwort und Spruch bzw. Unspruch des Jahres werden gewählt. Hier ein Überblick mit Definitionen:

1. WORT DES JAHRES: Neben den drei bereits genannten bewerben sich auch „Flüchtling“ und „Flüchtlingshelfer“ um das Wort des Jahres. Sie treten unter anderem auch gegen „filzmaiern“ - der bekannte Politikwissenschafter Peter Filzmaier hat sein eigenes Verb bekommen -, und gegen die „Bundesignorierung“ (bezieht sich auf den Mangel an Reformwillen, den die Bundesregierung nach Meinung vieler an den Tag legt, Anm.) an. Mit „Durchgriffsrecht“ (ein per Gesetz geschaffener Rechtsbegriff, der der Regierung die Möglichkeit gibt, Flüchtlingsunterkünfte auch gegen den Willen der politischen Vertreter von Gemeinden und Land zu schaffen, Anm.) und „Willkommenskultur“ (Einstellungen und Handlungen, die angesichts des Leids von Kriegsflüchtlingen dazu beitragen, dass sie wieder ein Leben in Sicherheit und Freiheit führen können, Anm.) stehen zwei weitere Begriffe zur Wahl, die sich mit der Situation der Flüchtlinge in Europa auseinandersetzen. Die Kandidatenliste für das Wort des Jahres wird von „schönwettermüde“ (im Hitzesommer entstanden, Anm.) komplettiert.

2. UNWORT DES JAHRES: Hier wird ein Nachfolger für das von FPÖ-Politiker Andreas Mölzer geprägte „Negerkonglomerat“ gesucht. Mölzer spielte damit in rassistischer Weise auf die EU an. Bei den heurigen Kandidaten nehmen nur zwei nicht Bezug auf die Flüchtlingssituation, nämlich das im Gesundheitsministerium geprägte „Hitzemanagement“ (angeblich könne man die Hitze „managen“, wenn man viel trinkt und nicht in die Sonne geht, Anm.) und der Wirtschaftseuphemismus „Kostendämpfungspfad“ zur Verschleierung von massiven Einsparungen, meist inklusive einer Kündigungswelle.

Ansonsten schafften es zwei ÖVP-Politiker auf die Kandidatenliste, nämlich Vizekanzler Reinhold Mitterlehner mit „Asyl a la carte“, das laut Jury unterstellt, dass Asylwerber wie im Restaurant den Luxus der Wahl hätten, wo sie aufgenommen werden. Die zweite schwarze Politikerin ist Innenministerin Johanna Mikl-Leitner mit ihrer erst dieser Tage kreierten „besonderen baulichen Maßnahmen“ zur Umschreibung eines Zaunes an der slowenischen Grenze, um Flüchtlinge abzuhalten, wie es die Jury nannte. Ebenfalls nominiert sind der „Flüchtlingstsunami“, „einer von vielen negativen Begriffen“, der Flüchtlinge in abträglicher Weise mit einer Naturkatastrophe gleichstelle, „Hotspot“, laut Jury ein Anglizismus und Euphemismus für Erstregistrierungszentren an den EU-Außengrenzen für Asylwerber, „Invasionskollaborateur“ (herabwürdigend für die freiwilligen Flüchtlingshelfer, Anm.) oder „Wohlstandsflüchtling“ (Kampfbegriff, der Asylwerbern unterstellt, keine politischen Motive für ihre Flucht und ihren Antrag zu haben, Anm,).

Die Kandidatenliste zum Unwort komplettieren „Lügenpresse“, ein schon von den Nazis in den 1930er-Jahren verwendeter Kampfbegriff der extremen Rechten, der Printmedien vorwirft, besonders in Bezug auf Flüchtlinge Lügen zu verbreiten, sowie „Toleranzromantiker“, ein Kampfbegriff gegen jene, die sich für Menschenrechte und eben Toleranz einsetzen.

3. JUGENDWORT DES JAHRES: Beim Jugendwort des Jahres 2015 stehen unter anderem „Bestie“ (Bezeichnung für den besten Freund oder die beste Freundin, Anm.), „Eskalation“ (Gipfelpunkt, nicht zu übertreffen, Anm.) oder „Tinderella“ (für eine Partnerin, die ein Mann über die Kontakt-App Tinder gefunden hat, Anm.). Weitere Möglichkeiten sind - ohne Anspruch auf Vollständigkeit „Gönnung“ für etwas, was man gegessen oder sich geleistet hat, „rumoxidieren“ für „chillen“ oder „zach“ (zäh; etwas ist mühsam, langweilig, schlecht, Anm.).

4. SPRUCH DES JAHRES: Hier stehen das Motto der Fußballnationalmannschaft „Frankreich, wir kommen!“, das Facebook-Motto der Caritas „Es sind Menschen, die da kommen, es sind Menschen, die da helfen!“ und „Vom Winde VWt!“, das sich auf die Krise des VW-Konzerns bezieht, zur Auswahl.

5. UNSPRUCH DES JAHRES: Hier hat es Vizekanzler Mitterlehner noch einmal auf die Liste geschafft, indem er meinte: „Wir haben den Krieg ja nicht angezettelt.“ Laut Jury habe der VP-Obmann in Zusammenhang mit den Landtagswahlen seine Schuldlosigkeit an den Verlusten betont, denn man habe die Flüchtlinge nicht eingeladen zu kommen. Weitere Kandidaten sind „Ich bin ja kein Rassist, aber ...“ (meist gefolgt von einer rassistischen Aussage, Anm.) sowie das von der Jury unkommentiert belassene Zitat von Frank Stronach: „Frauen sind Menschen wie wir.