Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 08.12.2015


Katholische Kirche

Rom beginnt Heiliges Jahr im Schatten des Terrors

Über 100.000 Menschen werden heute zur Zeremonie mit der Eröffnung der „Heiligen Pforte“ des Petersdoms durch Papst Franziskus erwartet.

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Rom – Im Petersdom in Rom gibt es eine Tür, die geht nur alle Jubeljahre auf. Es ist die Heilige Pforte, das bronzene Nordportal – von außen betrachtet der ganz rechte der fünf Eingänge in die größte der vier Papstbasiliken. Heute um 9.30 Uhr ist es wieder so weit. Dann wird Papst Franziskus das Tor öffnen, und ein Heiliges Jahr – ein Jubeljahr – beginnt. Das außerordentliche „Jubiläum der Barmherzigkeit“ soll bis zum 20. November nächsten Jahres dauern.

Seit Monaten fiebert, stöhnt und zittert Rom dem Datum entgegen. Für den Papst geht es darum, „die Barmherzigkeit Gottes neu zu entdecken und fruchtbar zu machen“. Viele Römer trieb aber zunächst die Sorge um, dass die Hauptstadt mit ihrer veralteten Infrastruktur und dem überlasteten Nahverkehrsnetz dem Ansturm Millionen zusätzlicher Besucher gar nicht gewachsen wäre und das Chaos in der „Capitale“ ausbrechen würde. Seit den Anschlägen von Paris dominiert nun die Sorge um die Sicherheit die Vorbereitungen auf das „Giubileo“.

Schon vor dem 13. November hatte die Terrormiliz IS Rom als ein Zentrum der Christenheit zum Angriffsziel erklärt. Der IS verbreitete Fotomontagen, die die schwarze Flagge des ausgerufenen Kalifats auf dem Obelisken vor dem Petersdom wehen lassen. Mit einem Sicherheitsplan wollen die Behörden Papst und Pilger schützen. Während des ganzen Jubeljahrs gilt über dem Großteil der Stadt ein Flugverbot, Drohnen werden per Radar erfasst und notfalls abgeschossen. 2000 zusätzliche Polizisten und Soldaten sind im Einsatz. Was das heißt, zeigt sich schon jetzt in Sankt Peter: Dort wurden Sicherheitsschleusen an den Zugängen zum Platz eingerichtet, wie es sie vorher nur am Eingang zum Dom gab. Nichts darf heute schiefgehen. „Gefahren für die öffentliche Sicherheit gibt es immer. Wir wollen keine Angst schüren, wir unterschätzen jedoch nichts“, erklärte der italienische Premier Matteo Renzi im Interview mit der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera. Innenminister Angelino Alfano versicherte, dass die Stadt Rom bestens für den Pilgeransturm in den kommenden Wochen gerüstet sei. Die Sorge vor Anschlägen scheint sich jedoch negativ auf den Tourismus in der Ewigen Stadt auszuwirken. Nach Angaben des Reiseportals Trivago haben 17 Prozent der Hotels in Rom über die Tage rund um den Marienfeiertag am 8. Dezember ungebuchte Zimmer.

Über 100.000 Menschen werden heute zur Zeremonie mit der Eröffnung der „Heiligen Pforte“ des Petersdoms durch Papst Franziskus erwartet, mit der das Heilige Jahr offiziell beginnt. War es bei den letzten Generalaudienzen wegen Angst vor Anschlägen zu einem Rückgang bei der Zahl der Pilger auf dem Petersplatz gekommen, so rechnet der Vatikan heute mit einem Massenansturm. An der feierlichen Zeremonie werden sich mehrere Persönlichkeiten beteiligen, darunter der emeritierte Papst Benedikt XVI. sowie Italiens Präsident Sergio Mattarella, Belgiens Ex-König Albert II., seine Gattin Paola und Tochter Astrid.

Das Datum, im katholischen Kalender auch das Hochfest der Unbefleckten Empfängnis, hat der Papst aus historischem Anlass gewählt: Es ist der 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Vatikanischen Konzils, mit dem sich die katholische Kirche stärker zur Welt öffnete. „Die Kirche spürt das Verlangen, diesen Moment lebendig zu erhalten“, schreibt Franziskus in der Einberufungsbulle.

In der langen Geschichte der Ewigen Stadt ist dieses Heilige Jahr aber nur eines unter vielen. Franziskus’ vor Jahrhunderten verstorbener Vorgänger Bonifaz VIII. rief 1300 das erste „Annus iubilaeus“ aus, in dem Pilgern der Ablass gewährt wird. Eigentlich sollte es sich alle 100 Jahre wiederholen, aber das war vielen in Rom einfach zu lang, die Frequenz wurde erst auf 50, dann 33 und schließlich 25 Jahre verkürzt. Nach dem Heiligen Jahr 2000 müssen die Gläubigen nun nicht bis 2025 warten, um durch die Heilige Pforte in den Petersdom zu gehen. Der Papst kann auch außerordentliche Heilige Jahre ausrufen, so wie jetzt. (dpa/Blume, APA)