Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 27.12.2015


Gesellschaft

Tirol 2050: Ein Haus der Zukunft in einer Welt ganz ohne Erdöl

Sechs Visionen wurden beim Ideenkanal, dem tirolweiten Wettbewerb für engagierte, „enkeltaugliche“ Zukunftsideen ausgezeichnet. Gemäß dem Leitsatz „Vom Träumen zum Tun“ geht es jetzt an die Umsetzung.

© Burkhardt-Bodenwinkler/JovanovicDas erste Kapitel im Kinderbuch: der Status quo.Foto: Ludescher



Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck – „Was kochen wir heute?“ Bei Luzia Dieringer und Claudia Sacher bestimmt das Angebot das Menü bzw. das Chutney oder die Marmelade. Was in die Einmachgläser gefüllt wird, ist Zufall und oft auch eine Überraschung: Wie Zwetschken mit Rosmarin oder Erdäpfel mit Mohn, inzwischen sehr beliebte Marmeladesorten. Wie der Name ihres Vereins „feld – Nutzung von Ungenutztem“ schon sagt, verwenden sie ausschließlich Obst und Gemüse aus regionaler Landwirtschaft, das sonst nicht geerntet würde, weil es zu klein oder zu groß ist, der Verkauf nicht lukrativ wäre oder es schlicht zu viel davon gibt.

Dabei sind die beiden konsequent bis ins letzte Detail – von den Küchen-utensilien, die sie aus Altbeständen übernehmen, bis zu den Küchen, die sie nutzen, weil dort gerade nicht gekocht wird.

Mit Unterstützung der Ideenkanal-Plattform arbeiten Luzia Dieringer und Claudia Sacher gerade daran, ihre bisher ehrenamtliche Tätigkeit professionell auszuüben. Die beiden wollen eine mobile Suppen- bzw. Eintopfküche gründen, die Firmen und andere Interessenten zu Mittag beliefert.

Der Ideenkanal, der im Rahmen des energiepolitischen Programms „Tirol 2050 energieautonom“ durchgeführt wird, unterstützt den Verein „feld“ und die anderen fünf Preisträger bei der Umsetzung ihrer Visionen. Energie Tirol, die Landesstelle für alle Energiefragen, koordiniert das Projekt, das Initiativen fördert, die in Tirol und darüber hinaus zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen können. Nach dem ersten Ideencamp, bei dem die Gewinner wichtige Inputs durch Unternehmer, Produktentwickler, Juristen und andere fachlich versierte Mentoren bekamen, ist das Projekt Tirol 2050 nun in der nächsten Phase.

Bis 18. Jänner geht es für die einzelnen Teams noch darum, Unterstützer zu finden, die mit ihren Spenden das Startkapital zur Realisierung der Ideen bereitstellen. Der Ideenkanal verdoppelt die Summe bis zu einem Betrag von 1000 Euro. Beim zweiten Ideencamp im März haben die Spender die Möglichkeit, ihre Teams persönlich kennen zu lernen.

Da sind etwa die Studenten, die eine App entwickeln, mit der Gemeinden in Dialog mit ihren Bürgern treten, deren Wünsche und Bedürfnisse kennen lernen können. Legen die Einwohner mehr Wert auf Umweltschutz, soll die Jugend besser gefördert werden oder ist die Schaffung von Wohnraum ein großes Thema? Paul Brandauer, Student an der SoWi: „Gerade nach den Gemeinderatswahlen im Februar wäre für die Gemeinden und die neu gewählten Gemeinderatsmitglieder eine gute Möglichkeit, ihre Bürger zu fragen: ‚Was soll in den nächsten sechs Jahren geschehen?‘“

Eine weitere Idee ist das „Haus der Zukunft – grundlos bauen“. Julian Fischer entwickelt mit seinem Team als Reaktion auf die hohen Immobilienpreise transportierbare Häuser. Die Lastenrad-Kooperative Lara will eine umweltfreundliche Alternative zum Warentransport schaffen. „Zwei weitere Projekte sind das Kinderbuch ‚Eine Welt ohne Erdöl‘ und das ‚Asylgericht – Kochabende mit Asylwerbern‘. In weiterer Folge könnten Netzwerke entstehen, die einzelnen Projekte auch miteinander kombiniert werden“, sagt Janine Fellner von Energie Tirol. Ihre Vision: Suppentöpfe, die mit dem Lastenfahrrad transportiert werden.

Ideensammlung

Eine Welt ohne Erdöl — illustriertes Kinderbuch: Jakob Winkler möchte auf zentrale Probleme aufmerksam machen — Bevölkerungswachstum, Klimawandel und Ressourcenknappheit. Dafür sei es nötig, Bewusstsein im Umgang mit der Umwelt zu schaffen. Denn: „Aufgeklärte, rücksichtsvolle Kinder bilden die Basis für eine hoffnungsvolle Zukunft." Jakob Winkler — Grafiker, Illustrator, Zirkusdirektor, Querdenker — nimmt an der Spendensammlung nicht teil, er sammelt derzeit alternative, innovative und futuristische Ideen. Mit Experten und Visionären sollen erste Utopien erarbeitet werden.

Asylgericht — Kochen kennt keine Grenzen: Die drei ehrenamtlich tätigen Initiatorinnen organisieren Kochabende mit Asylwerbern, die dabei Bekanntschaften schließen und den Menschen in Tirol einen Teil ihrer Kultur — ihre „Hausmannskost" — näherbringen können. Berührungsängste auf beiden Seiten sollen dabei abgebaut werden. Die Kochkurse sind deshalb auch eine wichtige Begegnungsplattform. Mit Hilfe des Flüchtlingsheims Kleinvolderberg haben die Initiatorinnen Kontakt zu Flüchtlingen aufgenommen. Das Asylgericht ist derzeit noch auf der Suche nach Standorten und Kooperationspartnern.

Verein „feld" zur Nutzung von Ungenutztem: Die Initiatorinnen Luzia Dieringer und Claudia Sacher wollen mit ihrer Idee Produkte aus regionaler Landwirtschaft in den Vordergrund stellen und Lebensmittelverschwendung vermeiden. Altbewährte Methoden des Haltbarmachens werden mit neuen kulinarischen Ansätzen verknüpft. Die beiden suchen noch Bauern oder Menschen mit Garten, die übrig gebliebenes Obst oder Gemüse zur Verfügung stellen und kommen auch selbst ernten. Außerdem gesucht: Büros, die zu Mittag Suppen bestellen. Spendenziel: 3500 Euro, 1265 Euro haben die beiden schon gesammelt. Die Meinung der Unterstützer: „Wirklich tolle Initiative" oder „Die Welt braucht mehr Menschen wie euch!". Die gemeinnützige Organisation ist auf Facebook unter „feldverein" zu finden, eine Website ist in Arbeit.

Lastenrad-Kooperation (Lara): Das Lara-Team ist überzeugt, dass ein Großteil der Transportfahrten in Innsbruck mit Lastenrädern durchgeführt werden könnte. Derzeit werden fast alle Waren in der Stadt mit motorisierten Fahrzeugen transportiert. Mit Hilfe der Spenden soll ein Lastenfahrrad angekauft werden, das Interessierte kostenlos ausleihen können. Ziel sind 5000 Euro, derzeitiger Stand: 640. Die bisherigen Unterstützer meinen: „Endlich!" oder „Lastenfahrrad ahoi!"

BürgerApp zur direkten Demokratie: „Die meisten Tiroler besitzen ein Smartphone. Per App könnten Politiker und Bürger miteinander in Verbindung treten", sagt Paul Brandauer aus Ebbs. Gesucht werden noch Gemeinden, die sich für die Plattform interessieren: „Bitte setzen Sie sich jetzt mit uns in Verbindung, damit wir früh genug starten können!" Als Starthilfe werden 2000 Euro benötigt, aktueller Stand: 350 Euro. „Es wird Zeit für mehr direkte Mitwirkmöglichkeiten", meinte ein anonymer Spender.

Haus der Zukunft (grundlos bauen): Julian Fischer, „Julians Raum.Manufaktur", möchte fundamentlose, einfach und günstig transportierbare, aber vollwertige Häuser bauen, für die kein Grundstück benötigt wird. Stattdessen könnten etwa Baugrundstücke gepachtet werden. Für das innovative Wohnkonzept werden Investoren für einen Prototyp und Kunden für erste Aufträge gesucht. Spendenziel: 12.000 Euro, 320 Euro wurden bereits gespendet. Näheres: www.facebook.com/grundlosbauen/>




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