Letztes Update am So, 07.02.2016 05:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Von Tirol in den Krieg

Der Mann mit den zwei Namen: Geschichte eines Tirolers

Eine packende Geschichte beginnt 1937 in Steinach am Brenner. Kleinbauer Max Bair zieht mit 20 Jahren in den spanischen Bürgerkrieg. Er wird verwundet, trifft einen berühmten Reporter. Mit neuem Namen macht der Tiroler dann in der DDR Karriere.

© DÖWAutor und Journalist Egon Erwin Kisch (re.) im Gespräch mit Max Bair 1937 in Spanien.




Egon Erwin Kisch hat schon viel gesehen. Nicht ohne Grund wird der aus Prag stammende Journalist und Autor Anfang des 20. Jahrhunderts als „rasender Reporter“ bekannt. Seine Berichte von Brennpunkten der Welt sind Kult.

1937 kreuzen sich zwei Wege: jener Kischs und der von Max Bair, eines Kleinbauern aus Steinach am Brenner. Dessen Werdegang ist außergewöhnlich. Kisch spürt das, greift zum Notizblock, bohrt nach. Stück für Stück erzählt der erst 20-jährige Tiroler seine Geschichte. Und was für eine Story das ist.

Der historische Hintergrund könnte explosiver kaum sein. Das Zufallstreffen von Schriftsteller und Landwirt findet in Spanien statt – mitten im dortigen Bürgerkrieg (1936–39). Der Tiroler Bair ist als Freiwilliger bei den republikanischen Truppen. Er verschreibt sich dem Kampf gegen den Faschisten und späteren Diktator Francisco Franco. Dieser hat die demokratisch gewählte spanische Regierung durch einen Militärputsch gestürzt.

Was hat ein Tiroler Bauer, fernab der heimatlichen Scholle, getrennt von Haus und Hof, im Konflikt eines fernen Landes zu suchen? Diese Frage lässt Kisch nicht mehr los. Er will mehr wissen.

Vollwaise mit 17 Jahren

Bair, der Maxl gerufen wird, weiß wenig über Politik. Viel Zeit für die Schule ist ihm trotz großer Intelligenz nicht gegönnt. Zwei Jahre müssen reichen. Pfarrer will Max aber nicht werden. Religion ist ihm weder Trost noch Halt. Schon als Kind hat er am elterlichen Hof mit anzupacken. Es ist ein hartes Leben, das nicht durchzustehen ist: Bairs Mutter stirbt mit 32; seinen Vater verliert er, da ist Max erst 17.

Max Bair im Jahr 1944 in der Uniform der jugoslawischen Armee (l.). In Slowenien kämpft er gegen die Nazis.
- Privat

Was soll er nun tun, als Vollwaise auf einem Hof, der zum Leben kaum reicht, belastet mit Schulden, die er geerbt hat?

Stark ausgeprägt ist Bairs Sinn für Gerechtigkeit. Ein befreundeter Arbeiter erzählt oft von den Idealen des Sozialismus, von Freiheit und Chancengleichheit, die Max selbst in seinen jungen Jahren nie erfahren durfte. Da reift die Idee in ihm, sich in Spanien dem Kampf gegen Unterdrückung anzuschließen.

Drei Kühe besitzt Bair junior. Nach und nach verkauft er sie. Damit bezahlt er die Reisekosten. Im Juni 1937 sagt Max der Heimat Lebewohl. Drei weitere Männer, Arbeiter allesamt, schließen sich dem Bauern bei dessen gefährlichem Vorhaben an. Von Innsbruck geht es mit dem Zug via Paris zu den Kämpfen nach Spanien.

Bair ist einer von 35.000 Ausländern, die in internationalen Brigaden für Spaniens Demokratie kämpfen. Der Jungspund aus Tirol schlägt sich wacker; mehrfach wird er militärisch befördert. Warum, das kann er dem stets neugierigen Reporter Kisch nicht so recht erklären.

Tausende Interbrigadisten, darunter einer von Bairs Begleitern, bezahlen ihren Einsatz in Spanien mit dem Leben. Doch Max hat Glück: Im August 1937 wird er schwer verwundet, doch er springt dem Tod regelrecht von der Schaufel.

Der 20-jährige Max Bair (l.) mit einem spanischen Kampfgefährten.
- DÖW

Hier reißt die Reportage Egon Erwin Kischs ab. 1938 wird sie unter dem Titel „Die drei Kühe“ in einer Zeitschrift veröffentlicht. Erstauflage: 10.000 Stück.

Bairs Geschichte ist damit aber noch lange nicht vollständig. Jetzt beginnen seine Wanderjahre, die Suche nach einer neuen Heimat, politisch und privat. Nachzulesen ist das beim Südtiroler Politologen und Historiker Joachim Gatterer. Er gibt Kischs „Die drei Kühe“ in einer kommentierten Version neu heraus (Edition Raetia, Bozen, 2012) und zeichnet Bairs unglaubliches Leben bis zu dessen Tod nach.

Nach dem Sieg Francos in Spanien verbringt Bair die Zeit des 1939 beginnenden Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion. Ein Visum aus Moskau ermöglicht ihm die Einreise. Den Sowjets ist Bairs Lebenslauf durch eine russische Ausgabe der „Drei Kühe“ bekannt.

1944 nimmt der Steinacher auf Geheiß der Kommunisten wieder die Waffe in die Hand. In Slowenien soll er am Widerstand gegen die Nazis mitwirken, wird bei einem Anschlag aber erneut schwer verletzt.

1945, nach Kriegsende, versucht Bair noch einmal in Tirol heimisch zu werden. Als Landesvorsitzender der KPÖ in Innsbruck ist er als Wahl-Lokomotive für die Kommunisten im heiligen Land gedacht. Das Vorhaben scheitert auf ganzer Linie: Die Wahl gerät für die KP zum Debakel.

Max Bair 1990. Er besuchte oft seine Heimat Tirol und den Bauernhof in Steinach, von dem er stammte. Im Jahr 200o starb er.
- privat

Bairs nächster Schritt erscheint da nur logisch. 1947 verkauft er seinen Bauernhof mit der Adresse Puig 18 in Steinach an Johann Moser – ein sichtbares Zeichen der endgültigen Abnabelung von Tirol. „Wer geistig ausbricht, kann physisch nicht mehr zurückkehren, ohne seine alte Welt zu verändern oder ideellen Bankrott zu erklären“, bringt es Bair-Kenner Joachim Gatterer auf den Punkt.

35.000 Schilling bekommt Bair für seinen Hof. „Das war eine Menge Geld“, sagt Hans Moser, Sohn des damaligen Käufers und aktueller Eigentümer des Gebäudes unweit der Sill. „Mein Vater hat das in Raten abgestottert.“

Ende einer Wanderschaft

Mit dem Geld begibt sich Bair wieder auf Wanderschaft. Er übersiedelt in die russische Besatzungszone nach Wien, ehe er 1950 endgültig sesshaft wird. Da wandert der Spanienkämpfer in die DDR aus, in den neu gegründeten kommunistischen Arbeiter- und Bauernstaat. Zum neuen Leben gehört ein neuer Name: Aus Max Bair wird Martin Jäger. So heißt er bis zu seinem Tod im Jahr 2000.

Nur die Klangfarbe seines Deutsch erinnert noch an die Herkunft im Alpenland.

Bair/Jäger macht in Ostdeutschland Karriere. Er studiert Volkswirtschaft, promoviert und arbeitet sich bis zum Abteilungsleiter in der staatlichen Plankommission hoch. Diese ist für die im Kommunismus üblichen Fünfjahrespläne zuständig: Alle wirtschaftlichen Aktivitäten und die dafür verfügbaren Gelder werden in diesen Plänen zentral vom Staat festgelegt.

Die Sehnsucht nach der alten Heimat aber bleibt. Oft kehrt Familie Jäger nach Österreich zurück. Zwei Stationen der Reise sind dabei stets dieselben: Wien, die Heimatstadt von Bairs zweiter Frau Elisabeth (mit der er zwei Töchter hat, siehe das Interview rechts); und zweitens die Bair bestens bekannte Adresse zwischen Matrei und Steinach: Puig Nummer 18, sein ehemaliger Bauernhof.

Kiachl mit Kraut für den Gast

Dort lebt die Erinnerung an ihn. „Der Max hat oft im Sommer bei uns vorbeigeschaut, vor allem, als meine Mutter noch lebte“, erinnert sich Hans Moser, der heute in Bairs Ex-Hof seine Pension genießt. „Meine Mama hat dann immer Kiachl mit Kraut serviert. Das hat der Max so gerne gegessen.“ Dass Bair in der DDR anders hieß, sprach sich nicht bis ins Wipptal herum. Moser: „Wir haben immer Max oder Maxl zu ihm gesagt, und er hat ganz normal auf diesen Namen reagiert.“

Lebhaft im Gedächtnis blieb Moser ein kurzer Austausch über Politik. „Der Max hat versucht, mich von den Vorzügen des Kommunismus zu überzeugen“, erzählt Hans Moser. Als Lkw-Fahrer hatte er jedoch die DDR mit eigenen Augen gesehen. „Da war der Lebensstandard viel niedriger als bei uns in Tirol.“ Und wie hat der Gast aus Ost-Berlin auf diesen Einwand reagiert? „Über Politik haben wir jedenfalls nicht mehr gesprochen“, zuckt Hans Moser mit den Schultern. Das alles sei aber lange her.

Tochter und Enkelin im Interview

Bair/Jägers Tochter Brigitta, die verheiratet Kauers heißt und Mathematik studiert hat, sowie ihre Tochter Jana Meister (Jg. 1975), eine Anwältin, statteten der Tiroler Heimat ihres Vaters bzw. Großvaters kürzlich einen Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit entstand dieses Gespräch.

Frau Kauers, welchen Bezug haben Sie persönlich zu Tirol?

Brigitta Kauers: Wir waren schon als Kinder hier. Anfangs ging das in der DDR noch und später dann wieder nach der Wende 1989/90. Wir kommen immer noch jedes Jahr hierher, zum Wandern im Naviser Tal. Wenn meine Eltern nach Österreich fuhren, legten sie immer zwei Stationen ein: Wien, die Heimat meiner Mutter, und Tirol, wo Vater herstammt. Ich war viel auf den Bergen unterwegs. Gewissermaßen verstehe ich mich als Flachlandtirolerin.

Brigitta Kauers (64) ist Max Bairs Tochter. Ihr Vater hatte in der DDR den Namen Martin Jäger angenommen.
- Thomas Böhm / TT

Was hat Ihr Vater über Tirol erzählt?

Brigitta Kauers: Es war keine verklärte Sicht, denn er hatte eine schwere Kindheit, war Vollwaise und musste hart am Hof arbeiten, ohne richtig davon leben zu können. Auch Schulden musste er übernehmen. Nur alle 14 Tage gab es Brot. Doch Vater liebte die Berge. Er war begeisterter Skifahrer. Das konnte er auch in der DDR, in Oberwiesenthal, tun.

Jana Meister: Ich erinnere mich gut, als Opa dort die steilsten Pisten hinunterfuhr, mit mir zwischen den Beinen. Er erzählte immer vom Skifahren seiner Jugend: ohne Lift den Berg hinauf, einmal hinunter.

Brigitta Kauers: Unten war er dann blass vor Anstrengung. Er hatte ein Herzleiden.

Jana Meister (41) ist Max Bairs Enkelin. Sie erinnert sich an die Ski- und Kochkünste ihres Opas.
- Thomas Böhm / TT

Jana Meister: Opa war ein hervorragender Koch. Wenn wir in den Ferien bei ihm in Ost-Berlin waren, durften wir einen Speiseplan mit österreichischen Spezialitäten erstellen. Das kochte er dann alles für uns.

Brigitta Kauers: Kiacherl, Fleischlaberl, Baunzn, Knödel oder Wiener Schnitzel. Letzteres war sein Lieblingsessen.

Hat man Ihrem Vater den Tiroler sprachlich noch angemerkt?

Brigitta Kauers: Hochdeutsch hat Vater jedenfalls bis zum Schluss nicht gesprochen. Und manchmal musste ich auch nachfragen: „Meinst du jetzt ein weiches B oder ein hartes P?“

Haben Sie gewusst, dass Ihr Vater eigentlich Max Bair geheißen hat?

Brigitta Kauers: Ich habe erst nach vielen Jahren davon erfahren. Für mich hieß mein Vater so wie meine Familie, also Jäger. Sein ursprünglicher Name ist ihm auch nie herausgerutscht. Als ich Kischs Reportage „Die drei Kühe“ las, habe ich gemeint, er habe meinen Vater Max Bair genannt, um ihn zu schützen.

Max Bair alias Martin Jäger hat in Spanien für die Freiheit gekämpft. Hat er sich in der DDR frei gefühlt, in einem Staat mit Einparteiensystem und stark eingeschränkten Bürgerrechten?

Brigitta Kauers: Mein Vater war beseelt von der Idee einer gerechten Welt, in der jeder, der fleißig arbeitet, es zu etwas bringt. Dafür kämpfte er in Spanien gegen die Faschisten. Bei seinem Wechsel in die DDR bestand die dortige Führung aus Antifaschisten, da fühlte er sich unter seinesgleichen. Es herrschte eine Begeisterung, es jetzt nach dem Ende der Nazi-Herrschaft schaffen zu können. Dann kamen die Säuberungen unter Stalin im kommunistischen Russland. In der DDR gab es zwar Prozesse, aber keine Todesurteile. Es herrschte die Meinung vor, mit dem Sozialismus auf dem richtigen Weg zu sein. Man müsse nur die Kinderkrankheiten beseitigen.

1989 führten Massenproteste zum Sturz des Kommunismus in der DDR und anderen Staaten Osteuropas. Wie hat Ihr Großvater bzw. Vater darauf reagiert?

Jana Meister: Opa war sehr enttäuscht darüber, dass das sozialistische Modell gescheitert war. Er hat gesagt, vielleicht hätte man den jungen Menschen und ihren Forderungen zuhören und die Diskussion nicht gleich abwürgen sollen.

Brigitta Kauers: Er hat gemeint, eine sozialistische Gesellschaftsordnung werde es in seiner und auch in der nächsten Generation wohl nicht mehr geben. Doch es sei nicht falsch gewesen, es versucht zu haben. Nachkommende Generationen könnten aus den Fehlern lernen.

Wie fühlt sich der Unterschied zwischen der DDR und der Zeit nach der Wende im geeinten Deutschland an?

Jana Meister: Ich war 14, als die Mauer fiel. Doch schon als Kinder hatten wir einen offiziellen und einen inoffiziellen Sprachgebrauch. Wir wussten genau, was wir offiziell in gewissen Situationen zu sagen hatten. Als kritischer Geist wäre man in der DDR rasch an Grenzen gestoßen, wenn es darum ging, den Mund aufzumachen oder nicht. Die Grundidee einer gerechteren Gesellschaft hat natürlich etwas für sich. Doch sie wurde von der Staatsführung nicht gelebt. Ich würde die DDR nicht wiederhaben wollen.

Brigitta Kauers: Ich auch nicht.

(Markus Schramek)