Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.03.2016


Blick von Außen

Der Islam: Eine Möglichkeit, Mensch zu sein

Verträgt sich der Islam mit westlichen Werten? Der in Innsbruck lehrende Religionspädagoge Zekirija Sejdini entwickelt aus dem Koran Zugänge, wie die scheinbare Unvereinbarkeit überwunden werden kann.

© imago stock&people(Symbolfoto)



Der Islam ist in aller Munde. Dabei fällt auf, dass die öffentliche Diskussion rund um den Islam von zwei Positionen dominiert wird: Die eine, hauptsächlich von Muslimen eingenommene „Opferrolle" bestreitet jeglichen Reformbedarf der eigenen Religion und qualifiziert jegliche Kritik entweder als Islamophobie (von Nichtmuslimen) oder Häresie (von Muslimen). Kritiker werden als im Dienste dunkler Mächte stehend begriffen, die den Islam durch Reformen bis zur Unkenntlichkeit entstellen wollen. Die Lösung wird in einer blinden Nachahmung der Entstehungszeit des Islam gesehen, die eindeutige Wahrheiten verspreche.

Die andere, hauptsächlich von Nichtmuslimen vertretene Position unterstellt dem Islam eine Verwobenheit mit Gewalt, Politik und Intoleranz und leitet daraus die Unvereinbarkeit des Islam mit westlichen Werten ab. Versuche, demokratische Werte mit dem Islam in Einklang zu bringen, werden als Abweichung von einem vermeintlichen „Urislam" gesehen. Diejenigen, die von mehreren Prägungen des Islam sprechen, sind aus dieser Perspektive entweder blauäugige Nichtmuslime, die die Wahrheit nicht durchschauen — oder aber Muslime, die sich tarnen, um Europa von innen zu unterwandern und zu islamisieren.

Beide Positionen gründen auf einer ähnlichen Geisteshaltung, die von der Existenz und Eindeutigkeit nur eines — des eigenen — Islamverständnisses ausgehen und das Vorhandensein von Anderem leugnen.

Der europäische Zugang

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob und wie dieser Geisteshaltung aus theologisch-religionspädagogischer Perspektive entgegengewirkt werden kann, um Wege auszuloten, die den Muslimen einen der islamischen Tradition und dem europäischen Kontext entsprechenden Zugang zu ihrer Religion ermöglichen.

Daher besteht die Notwendigkeit, das Bewusstsein um Möglichkeiten (Kontingenzbewusstsein) einer Haltung der propagierten Gewissheit gegenüberzustellen. Eine in diesem Sinne verstandene Kontingenz ermöglicht Pluralität. Pluralität zieht wiederum Ambivalenz und Ambiguität nach sich — alles Elemente, die die Grundlage einer multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft bilden.

Doch wie kann ein möglichkeits- und damit pluralitätssensibles Verständnis in der islamischen Theologie und Religionspädagogik erreicht werden? Und wie sehr lässt sich diese Linie mit den Quellen des Islams vereinbaren?

Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden und aus den islamischen Quellen authentische theologische und religionspädagogische Ansätze entwickeln zu können, soll im Folgenden auf drei Grundvoraussetzungen (Anthropologie, Offenbarung, Bedeutung des Kontextes) eingegangen werden, die jeder anschluss- und pluralitätsfähigen islamischen Theologie und Religionspädagogik eingeschrieben sein sollten.

Dabei handelt es sich um die menschliche Würde, Vernunft und Freiheit, aus denen sich auch die menschliche Verantwortung ableiten lässt.

Bewusste Entscheidung

Auf die Würde des Menschen wird im Koran an verschiedenen Stellen direkt (17,70) oder indirekter (32,7; 32,9; 2,30) hingewiesen. Dies ist eine Grundlage für ein Verständnis, aus dem dann auch die Menschenrechte begründet werden können.

Die Verankerung der gottgegebenen und unantastbaren Würde des Menschen in den theologischen und religionspädagogischen Überlegungen ist eine unabdingbare Voraussetzung zur Entwicklung einer kontingenz- und kontextsensiblen islamischen Theologie und Religionspädagogik.

Ein weiteres entscheidendes anthropologisches Merkmal des Menschen ist seine Vernunft. Denn erst durch die Vernunft ist der Mensch in der Lage, sich von der göttlichen Botschaft ansprechen zu lassen und auf diese zu antworten. Aufgrund dieses Merkmals ist der Mensch aufgefordert, in Kommunikation mit anderen Menschen zu treten und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, die wiederum in den Dienst der Menschheit gestellt werden können. Aus diesem Grund fordert der Koran den Menschen immer wieder auf, seine Vernunft zu gebrauchen um sich und seine Umgebung weiterzuentwickeln.

Eng an die Vernunft ist auch die Freiheit, als wesentliches Merkmal des Menschen, gebunden. Obwohl sie grundsätzlich ist und daher zu Heil und Unheil führen kann, hat sich Gott für ein Lebewesen entschieden, das aufgrund seiner Merkmale, wie Würde, Vernunft und Freiheit, in der Lage ist, seinen Weg zu gehen und sich auch für oder gegen Gott zu entscheiden.

Dabei dürfen Würde, Vernunft und Freiheit jedoch nicht isoliert betrachtet werden, sondern sind eingebunden in die Verantwortung, die Gott dem Menschen für sich und seine Umwelt übertragen hat, und sie zeigen, dass der Mensch selbst für seine Handlungen verantwortlich ist. Dementsprechend bedarf es — wie Karl Rahner formuliert hat — einer „anthropologischen Wende" in der islamischen Theologie und Religionspädagogik, die den Menschen in seiner Verantwortung berücksichtigt und ihn in den Mittelpunkt seiner theologisch-religionspädagogischen Überlegungen setzt.

Die „anthropologische Wende" bedingt auch zwangsläufig ein Offenbarungsverständnis, das, wie in allen monotheistischen Religionen so auch im Islam, als eine Voraussetzung für das verantwortungsvolle Handeln des Menschen betrachtet wird.

Eine auf Würde, Vernunft und Freiheit ausgerichtete Offenbarung darf jedoch nicht als Bevormundung des Menschen in Form einer Instruktion, nicht als „objektive" Wissensvermittlung und nicht als völlig autoritätslegitimiert unter Ausschluss der menschlichen Vernunft verstanden werden. Vielmehr sollte sie als Kommunikationsprozess aufgefasst werden, der Subjektivität beinhaltet und gerade aufgrund von Vernunft und Freiheit ständig lebendig erhalten, neu interpretiert und fruchtbar gemacht werden kann. So fordert der Koran selbst den Menschen heraus, seine Vernunft zu gebrauchen und sich den außerkoranischen Zeichen Gottes nicht zu verschließen.

Neben dem von Würde, Vernunft und Freiheit geprägten Menschenbild und einer als Lebensorientierung verstandenen Offenbarung bedarf es auch eines kontextbezogenen Verständnisses von Theologie und Religionspädagogik, um den Bedürfnissen der Gegenwart entgegenkommen zu können.

Stärkung der Pluralität

Sowohl der Wandel in den anthropologischen und theologischen Überlegungen wie auch die Entwicklung einer kontingenzsensiblen Haltung erscheinen — speziell im religiösen Bereich — als äußerst schwer umsetzbar. Trotzdem stellen sie eine Maxime jeder theologischen und religionspädagogischen Überlegung dar, die ihre primäre Aufgabe darin sieht, die eigene Religion „als eine besondere Weise, Mensch zu sein", zu verstehen. So gesehen sollte auch der Islam als eine der hervorragenden Möglichkeiten, „Mensch zu sein", verstanden werden.

Folglich bestünde die religionspädagogische Aufgabe darin, die Kontingenz- und Pluralitätssensibilität zu stärken und das Bewusstsein der eigenen Beschränktheit nicht als defizitär zu qualifizieren, sondern produktiv zu gestalten. Gerade in diesem Zusammenhang müsste deutlich gemacht werden, dass es nicht um Kontingenzbewältigung gehen kann, sondern darum, sich in Auseinandersetzung mit der Kontingenz begeben zu können.

Zur Person

Univ.-Prof. Mag. Dr. Zekirija Sejdini ist Leiter des Bereichs Islamische Religionspädagogik an der Universität Innsbruck. Er studierte in Kairo, Istanbul und Heidelberg islamische Theologie, Philosophie und Religionspädagogik und war zuvor u a. Fachinspektor für islamischen Religionsunterricht in Wien. Der Text ist eine gekürzte Fassung seiner an der Universität Innsbruck abgehaltenen Antrittsvorlesung.

Zekirija.Sejdini@uibk.ac.at




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