Letztes Update am So, 27.03.2016 07:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

„Es fehlt uns an österlichen Augen“

Was sagt uns Ostern? Es ist immer dieselbe Geschichte und trotzdem gibt es aktuell für den modernen Menschen mehr Kreuzwege denn je. Die Passion 2016 ist niederschmetternd.

Auch der moderne Mensch kommt ohne Kreuzweg nicht aus – diese schmerzreiche Erfahrung macht Ostern 2016 aus.

© iStockAuch der moderne Mensch kommt ohne Kreuzweg nicht aus – diese schmerzreiche Erfahrung macht Ostern 2016 aus.



Wenn man sich zu Ostern 2016 in der Welt umsieht, sieht man unzählige Kreuzwege, viele Kreuze, die die Menschen zu tragen haben. Sehen Sie das auch so?

Józef Niewiadomski: Ja, das sehe ich auch so. 2016 sind wir stärker denn je mit der brutalen und niederschmetternden Erkenntnis konfrontiert, dass die Kreuzwege da sind. Mehr denn je leben wir in einer Welt, wo die Kreuzwege unübersehbar groß und vielfältig sind: Es gibt die Kreuzwege von den vielen Flüchtlingen, aber auch Menschen hier, die sich von der aktuellen politischen Situation überfordert fühlen. Dann gibt es die Kreuzwege von den von Terror betroffenen Menschen und dann jene, die mit dem Scheitern von Lebensplänen konfrontiert sind. Es gibt sehr viele Biografien, die scheitern. Menschen, die aufsteigen und dann fallen. Auch das ist ein Kreuzweg. Noch nie war die Passion in ihrer Vielfalt so gesellschaftlich präsent wie jetzt.

Steckbrief

Prof. Dr. Józef Niewiadomski: Der Innsbrucker Dogmatiker und langjährige Dekan der Theologischen Fakultät Innsbruck über die Botschaft von Ostern im Jahre 2016 jenseits von Schokohasen und Eiersuche. Verglichen mit banalen Konsumgewohnheiten trifft die Passion den Lebensnerv mehr denn je.

Eigentlich müsste man denken können, dass der aufgeklärte, moderne Mensch die Kreuzwege überwunden hat. Ein Irrtum?

Niewiadomski: Ja. Was wir jetzt erleben, ist eine harte Desillusionierung. Wir wachen aus dem Traum auf, dass alles möglich ist. Unsere Generation, vor allem die Post-68er, hat lange geglaubt, dass wir dank dem wissenschaftlichen Fortschritt und einer menschenwürdigen Politik Ausgrenzung und Leiden überwunden haben. Mit dem Scheitern der Flüchtlingskrise und dem Terror werden wir auf schmerzvolle Art und Weise auf die Kreuzwege zurückdirigiert. Wir werden mit der Erkenntnis konfrontiert, dass es im Leben Erfahrungen gibt, die uns überfordern und die wir aushalten müssen. Uns Menschen wird ein Kreuz aufgeladen oder wir laden es anderen auf. Wir nageln fest und wir werden festgenagelt. Man muss sich nur die traditionellen Bilder vom Kreuzweg anschauen – diese besetzen wir momentan ganz gut. Wir alle finden uns beispielsweise in den Rollen der weinenden Frauen in Jerusalem am Wegesrand: Wir stehen da, klagen an, weinen, sind entsetzt. Über die Flüchtlinge, den Terror. Wir ersticken in einer Orgie an Fremd- und Selbstbeschuldigung. Doch wie viele von uns reichen den Kreuztragenden ein linderndes Tuch?

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Das Leid real zu mindern halten viele mittlerweile für unmöglich …

Niewiadomski: Wir können das Leid zum Teil mindern und das Kreuz ein Stück des Weges mittragen, wie es Simon von Zyrene getan hat. Das tun auch viele. Gleichzeitig sind wir aber auch beinharte Wendehälse wie Petrus. Mit rationalen Argumenten versuchen wir zu begründen, warum es besser ist, einige zu opfern, bevor das Chaos ausbricht. Wir opfern die Toten im Meer und auf den Flüchtlingsrouten, damit wir hier Ruhe haben. Wir verdrängen.

Wofür steht das Christentum Ostern 2016?

Niewiadomski: Was uns sicherlich am meisten weh tut, ist, dass wir Ostern auf Schokohasen und Osterurlaub reduziert haben. Osterhasen sind die Opiate der gesellschaftlichen Kreuzwege. Nichts gegen Schokohasen, sie sind für Kinder wunderbar, Erwachsenen helfen sie aber nicht über existenzielle Krisen hinweg.

Die Schokoorgie ist nach Ostern vorbei, was bleibt?

Niewiadomski: Der Glaube und die Hoffnung, dass die Passion der aktuellen Welt nicht beim qualvollen Tod endet, auch nicht in Empörung und Anklage. Menschen, die das Leben als Tragödie wahrnehmen, werden verbittert. Menschen, die durch Aufstieg und Fall gegangen sind und verstanden haben, dass der Zusammenbruch nicht das Letzte ist, haben österliche Augen. Diese Menschen resignieren nicht. Solche brauchen wir mehr.

Das Gespräch führte Liane Pircher