Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 09.04.2016


Kitzbühel

Leben nach dem Unfall: Mit der Kraft der Elefanten

Seit einem Snowboardunfall vor acht Jahren sitzt Tina Hötzendorfer aus St. Johann im Rollstuhl. Seitdem verschreibt sie ihr Leben der Malerei und dem Wunsch, anderen Menschen Kraft zu geben.

Die 29-jährige Tina Hötzendorfer malt mit beiden Händen.

© Christian HassDie 29-jährige Tina Hötzendorfer malt mit beiden Händen.



Von Miriam Hotter

St. Johann i. T. – Die Staffelei aus Holz steht auf dem Tisch. Daneben liegen Pinsel, die Farbe auf den Haaren ist noch ganz frisch. Tina Hötzendorfer räumt orange und blaue Farbtöpfe zur Seite. Wenn Besuch kommt, dann soll alles ordentlich sein. Hötzendorfer ist eben keine typische Künstlerin. Nicht nur, weil es in ihrer Galerie in St. Johann alles andere als chaotisch aussieht. Die 29-Jährige sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl.

Die junge St. Johannerin sitzt seit einem Unfall 2008 im Rollstuhl
Die junge St. Johannerin sitzt seit einem Unfall 2008 im Rollstuhl
- Caroline Auer

Es war der 3. Februar im Jahr 2008, als die junge Frau beim Snowboarden stürzte und einen Trümmerbruch des sechsten Halswirbels erlitt. „Ich lag regungslos auf der Piste, hatte große Schmerzen und konnte nichts mehr bewegen“, erinnert sie sich. Im Krankenhaus bestätigten Ärzte ihren Verdacht. Das Wort „Querschnittslähmung“ wurde zum ersten Mal laut ausgesprochen.

„Es war am Anfang schlimm für mich. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um mit mir ins Reine zu kommen“, erzählt Hötzendorfer. Phrasen wie „hätte ich doch“ oder „könnte ich doch“ schwirrten nicht länger in ihrem Kopf herum. „Ich wollte nach vorne schauen und sehen, was ich machen kann“, erklärt sie.

Hötzendorfer wurde schnell fündig – sie entdeckte ihre Liebe zur Malerei. Dabei benutzt sie beide Hände und stützt ihre Ellbogen auf einem Tisch ab, wo ihre Staffelei steht.

„Ich habe meiner Oma ein Bild von einem Elefanten gemalt und es ihr zu Weihnachten geschenkt“, erzählt sie vom Beginn ihrer Künstler-Karriere. Weil das Bild im Bekannten- und Freundeskreis gut ankam, machte die hübsche St. Johannerin mit dem Malen weiter. „Und bald konnte ich nicht mehr damit aufhören.“

Am liebsten gestaltet sie Bilder mit Elefanten.
Am liebsten gestaltet sie Bilder mit Elefanten.
- Caroline Auer

Vor zwei Jahren bekam sie die Einladung, ihre Bilder in New York auszustellen. „Das war wirklich aufregend“, erinnert sie sich. Mit ihrem Freund David flog sie in die Metropole und präsentierte dort Kunstliebhabern aus aller Welt ihre Bilder – die meisten davon zeigen Elefanten.

Die Tiere sind mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden. In ihrer Galerie „RollinArt“ sind sie allgegenwärtig: auf Taschen, T-Shirts, Baby-Bodys, Tassen, Halsketten, Armbändern und Bildern. Auf ihren Werken kleben Perlen, Edelsteine und Applikationen aus der farbenfrohen Welt Indiens.

Die Leidenschaft für Elefanten begann mit einer Weltreise, die Hötzendorfer vor ihrem Unfall machte. „Als ich in Nepal war, konnte ich mit Elefanten schwimmen. Das war ein ganz besonderes Erlebnis für mich“, erzählt sie. Außerdem seien Elefanten Glückssymbole und stünden in Asien für Güte, Weisheit, Hingabe und Stärke. „Sie verbreiten positive Energie.“

Die Tiere finden sich auch in ihrem selbstgemachten Schmuck wieder.
Die Tiere finden sich auch in ihrem selbstgemachten Schmuck wieder.
- Carolina Auer

Genau wie Hötzendorfer selbst. Sie hält Vorträge über Selbstmotivation an Schulen und erzählt, wie man das Leben trotz Behinderung meistern kann. Ein Erlebnis ist ihr dabei ganz besonders in Erinnerung geblieben. „Ich war in einer Schule in Bayern zu Gast. Ein Mädchen kam auf mich zu und fragte, wie ich das Verliebtsein spüren könne, weil man da ja Schmetterlinge im Bauch hat.“

Genau wegen dieser unbeschwerten Art liebt sie es, mit Kindern zu arbeiten. „In meinen Malkursen erlebe ich immer wieder, dass Kinder keine Berührungsängste haben. Sie fragen einfach, warum ich im Rollstuhl sitze. Ich erkläre ihnen den Grund und dann ist der Rollstuhl auch kein Thema mehr“, erklärt Hötzendorfer. Das sei bei Erwachsenen anders. Für die Gesellschaft sei das Thema Behinderung häufig noch immer ein Tabu.

Dabei geht es ihr sehr gut. „Ich führe ein sehr glückliches Leben.“ Falls der Weg doch einmal steinig wird, kann sie sich auf die Unterstützung ihrer Familie und Freunde verlassen. Oder auf die Kraft der Elefanten.