Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.05.2016


Soziales Engagement

Wo die einstige Wüste soziales Engagement finanziert

Der Austro-Ägypter Ibrahim Abouleish begann 1977, Wüste fruchtbar zu machen. Heute bietet Sekem Jobs, Schulen und medizinische Versorgung.

Angesichts des großen Bevölkerungswachstums muss Ägypten der Wüste fruchtbares Land abtrotzen. Sekem setzt dabei auf biologisch-dynamische Methoden statt auf Chemie.

© Angesichts des großen Bevölkerungswachstums muss Ägypten der Wüste fruchtbares Land abtrotzen. Sekem setzt dabei auf biologisch-dynamische Methoden statt auf Chemie.



Von Wolfgang Sablatnig

Kairo – Wo die Sekem-Farm beginnt, hört Ägypten auf: kein Abfall am Wegrand, kein Dauerhupen, kein Verputz, der von den Wänden blättert, keine Menschen, die unterbeschäftigt warten und warten. „Wir sind eine europäische Institution in Ägypten“, erzählt Gründer Ibrahim Abouleish seinem Gast, Österreichs Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter. Abouleish und seine Familie haben der ägyptischen Wüste rund 60 Kilometer nördlich von Kairo in fast 40 Jahren 2500 Hek­tar fruchtbaren Boden abgetrotzt. Heute bieten Sie mehr als 2000 Menschen einen Arbeitsplatz sowie Bildung, Schulen und Gesundheitsversorgung. 2003 wurden Abouleish bzw. Sekem für die Verbindung von wirtschaftlichem Erfolg und sozialem sowie kulturellem Engagement mit dem „alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet.

Abouleish hatte in Österreich studiert und gearbeitet, bevor er 1977 mit seiner Grazer Frau Gudrun und den zwei Kindern nach Ägypten zurückkehrte. 60 Kilometer südlich von Kairo fand er ein Stück Wüste für seinen Plan einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft: nah genug an der Hauptstadt und gleichzeitig weit genug weg von herkömmlichen Bauern und Farmen, um eine Verunreinigung durch Pestizide auszuschließen.

„Wir haben begonnen mit einem Kreidekreis für den Rundbau“, erzählt Gudrun Abouleish. Der Rundbau aus Lehm steht auch 39 Jahre später noch, jetzt aber mitten im Grünen. Grundwasser, das vom nahen Nil gespeist wird, ist eine der Grundlagen dieser Entwicklung. Die andere ist der Kompost, der auf der Farm produziert wird. Basis ist der Dung der Rinderherde, Phosphate liefert der Kot aus den traditionellen Taubenschlägen.

„Wir können unserer Probleme nur Herr werden, wenn wir in die Wüste gehen“, begründet Vater Abouleish sein Engagement. Die Bevölkerung Ägyptens hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht. Der Lebensraum beschränkt sich aber auf das Nildelta und einen Streifen entlang des Flusses. Der große Rest ist Wüste.

Nachhaltigkeit, wie sie die Abouleishs verstehen, ist aber mehr als nur die landwirtschaftliche Technik. Von Anfang an war das Ziel, Schulen zu gründen und Bildung zu vermitteln. „Wir haben die Aufgabe, die Menschen zu trainieren“, sagt Ibrahim Abouleish.

Mit diesem Mittel könnte auch die Migrationskrise bekämpft werden. Wer Job, Bildung und Perspektiven hat, muss seine Heimat nicht verlassen. Sekem führt eigene Schulen, die großteils von Kindern aus den umliegenden Dörfern besucht werden. Das medizinische Zen­trum steht den Menschen aus der Umgebung zur Verfügung.

Die Schulen und die Ausbildung wirken dabei über Sekem hinaus. Bauern in den umliegenden Dörfern haben ebenso begonnen, die Wüste mit Kompost statt mit Chemiedüngern urbar zu machen.

Mehr als 850 Partnerfarmen, die biologisch-dynamisch arbeiten, liefern den Betrieben von Sekem zu. Das Angebot ist breit: Heil- und Küchenkräuter, Fruchtsäfte, Oliven, Kindergewand aus eigener Baumwolle, Medikamente und homöopathische Präparate; bei Teesackerln ist Sekem Marktführer in Ägypten. Ein Viertel der Produktion geht in den Export.

Wirtschaftlich funktioniere das Modell, erzählen die Abouleishs. Die Betriebe werfen so viel ab, dass damit auch die sozialen Einrichtungen finanziert werden können.

Für Projekte bekommt Sekem aber auch Gelder aus der Entwicklungszusammenarbeit. Mit Mitteln der österreichischen Entwicklungsagentur ADA wurde die Warmwasserversorgung auf Sonnenenergie umgestellt und Bewässerungsanlagen errichtet. Aktuell ist ein Projekt für Solarpumpen am Laufen.

Das Umweltministerium hat die Tiroler Tageszeitung zu der Reise nach Ägypten eingeladen.

Sekem-Gründer Ibrahim Abouleish (l.), Sohn Helmy (r.) und Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (M.).
Sekem-Gründer Ibrahim Abouleish (l.), Sohn Helmy (r.) und Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (M.).
- BMLFUW