Letztes Update am Mi, 13.07.2016 07:55

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesellschaft

Die beschränkte Kraft von Obamas Appellen gegen Waffengewalt

Der Präsident musste schon auf vielen Trauerreden nach tödlichen Schussattentaten sprechen. Die Rede in Dallas ist aber eine seiner schwersten.

US-Präsident Obama in Dallas.

© REUTERSUS-Präsident Obama in Dallas.



Washington – Als der Präsident von Shetamia Taylor und ihren Kindern erzählt, erhebt sich das Publikum zum Applaus. Die junge Afroamerikanerin hatte ihre vier Söhne zu der Demonstration in Dallas gegen Polizeigewalt mitgenommen. Im Kugelhagel des Heckenschützen schirmte sie ihre Kinder ab und wurde ins Bein getroffen. Polizisten eilten zur Hilfe, retteten die Familie. Jetzt wolle ihr zwölfjähriger Sohn Polizist werden, sagt Barack Obama. Und er fügt einen emphatischen Satz hinzu, den er in seiner Trauerrede mehrfach als Leitmotto wiederholt: „Dies ist das Amerika, das ich kenne“.

Das Amerika, das der Präsident in seiner Ansprache am Dienstag in Dallas für die fünf getöteten Polizisten beschwört, ist ein Land der über die ethnischen Gegensätze hinwegreichenden Solidarität. Trotz der Gewalt und der Unruhen, welche die US-Gesellschaft aufwühlen, wehrt sich Obama gegen den Eindruck, dass das Land gegen Ende seiner Präsidentschaft völlig zerrissen sei: „Ich bin hier, um darauf zu bestehen, dass wir nicht so gespalten sind, wie es scheint.“

Frustration auf beiden Seiten

Während der Zeremonie bleiben fünf vordere Plätze in dem Konzerthaus leer, sie sind mit US-Fahnen und Polizeimützen dekoriert. Fünf Großporträts der bei Attentat getöteten Polizisten sind auf der Bühne aufgestellt. Der Präsident spricht über die fünf Toten, über ihre Lebensgeschichten, Familien und Hobbys, und über ihren letzten Einsatz, bei dem sie - „wie die Profis, die sie waren“ - das Verfassungsrecht der polizeikritischen Demonstranten geschützt hätten.

Obama hat während seiner Amtszeit schon viele Trauerreden für Anschlagsopfer halten müssen. Doch diese ist wohl seine schwierigste. Denn er bewegt sich auf einem extrem dünnen Grat. Um eine überzeugende Versöhnungsbotschaft auszusenden, muss er einen weiten Bogen spannen, der über die Würdigung der Polizei und ihrer Todesopfer hinaus auch die jüngsten Fälle der von Polizeikugeln getöteten Schwarzen einschließt. Diese zwei Todesfälle waren Auslöser der Kundgebung, die der Heckenschütze für seinen gezielten Anschlag auf Polizisten nutzte.

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Der Präsident spricht über die Frustration und Empörung auf beiden Seiten: über die Afroamerikaner, „die sich unfair von der Polizei ins Visier genommen fühlen“, wie über die Polizei, „die sich unfair für die Erledigung ihrer Arbeit verleumdet fühlt“. Und er wirbt um gegenseitiges Verständnis. Die Polizisten verdienten „Respekt und nicht Verachtung“ für ihren gefährlichen Job, den sie in überwältigender Mehrheit fair und professionell erledigten. Doch auch die „wachsende Verzweiflung“ der Afroamerikaner über die von ihnen empfundene Ungleichbehandlung durch die Polizei dürfe nicht einfach ignoriert und die Proteste als „paranoid“ abgetan werden.

„Das Amerika, das ich kenne“

Der Präsident, der in Dallas von seiner Frau Michelle begleitet wird, hält eine sehr persönliche Rede, die sich stellenweise schon nach Abschied anhört. Es geht auch um sein Vermächtnis, den Zustand, in dem der erste afroamerikanische US-Präsident das Land hinterlässt. Obama gesteht ein, dass er sich der begrenzten Wirkung seiner Appelle bewusst sei. Er sei in dieser Hinsicht „nicht naiv“, dafür habe er schon „an zu vielen Trauerfeiern“ teilgenommen.

Gleichwohl beharrt er auf den Fortschritten, die die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahrzehnten auf dem Weg zu ihrer inneren Einheit gemacht hätten: Die Beziehungen zwischen den Rassen hätten sich „dramatisch verbessert“. Und er erzählt nicht nur von Shetamia Taylor, sondern führt noch weitere Beispiele der rassenübergreifenden Solidarität an. Als der Heckenschütze von Dallas das Feuer eröffnete, sei es „nicht um Schwarz oder Weiß“ gegangen, Demonstranten hätten Polizisten geholfen, den Tod weiterer Menschen zu verhindern. „Seht, das ist das Amerika, das ich kenne“, ruft der Präsident aus. (APA/AFP)