Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 26.07.2016


Außerfern

Tannheim ist Gruppe von Flüchtlingen nicht gut genug

Der Übernahmedruck von Asylwerbern hat laut Bezirkshauptmann Konrad Geisler etwas abgenommen. Kopfschütteln inTannheim: Afghanen wollten nicht „an den A.... der Welt“ und reisten sofort wieder ab.

© APA/Fohringer(Symbolfoto)



Von Helmut Mittermayr

Reutte – 323. Das ist die aktuelle Zahl der sich gerade in Betreuung befindlichen Asylwerber im Bezirk Reutte. Zusätzlich leben an die 35 Personen im Außerfern, die kürzlich eine Asylberechtigung erhalten haben und daher nicht mehr mitgezählt werden. Die Behörde arbeitet unermüdlich daran, weitere Quartiere zu finden. Bezirkshauptmann Konrad Geisler spricht konkret von Unterbringungsmöglichkeiten für 100 weitere Köpfe. Er ist froh, dass alle Gemeindechefs im Bezirk ernsthaft an der Zurverfügungstellung arbeiten und sich niemand ausnimmt.

Die österreichweit anvisierte Quote ist 1,5 Prozent der Wohnbevölkerung. Der Bezirk Reutte liegt derzeit mit 323 Asylwerbern und knapp über 32.000 Einwohnern punktgenau bei einem Prozent. „Aber Quoten sind gewiss nicht in meinem Hinterkopf und auch nicht wichtig“, sagt Geisler. Es brauche einfach weitere Plätze. „Der Unterbringungsdruck hat aber abgenommen. Derzeit ist Ruhe eingekehrt. Ich hoffe nicht die Ruhe vor dem Sturm“, verweist der Jurist auf die aktuellen Entwicklungen in der Türkei.

Der Bezirkshauptmann ist froh, dass bisher sowohl die Aufnahme als auch das Zusammenleben im Großen und Ganzen problemlos verlaufen sind. Viele Gemeinden seien bemüht, weitere Quartiere zur Verfügung zu stellen. Ruhig sei es im Bezirk sicher auch deshalb, weil keine Großquartiere zum Einsatz kämen. Die meisten Hilfesuchenden würden in kleinen Wohnungen über den ganzen Bezirk verstreut leben. Nur in Reutte mit derzeit 106 Personen in drei Startwohnungshäusern und Breitenwang mit 56 im Asylwerberheim Kreckelmoos seien die Zahlen etwas höher. Die Bezirkshauptmannschaft Reutte leistet hier Vorarbeit für die Tiroler Soziale Dienste GmbH, die für die Unterbringung zuständig ist.

BH Geisler weiß von viel Engagement, um die Neuankömmlinge angesichts zahlreicher Beschränkungen trotzdem zu beschäftigen. Ehrwald sei so ein Beispiel. Der dortige Vizebürgermeister Haldor Schennach ist auch auf der BH Reutte stark in die Asylproblematik von der Bausachverständigenseite her involviert. Schennach: „Ehrwald beherbergt derzeit 28 Asylwerber. Bei uns im Dorf ist alles ruhig, es gibt überhaupt keine Probleme. Die Gemeinde versucht, die Asylwerber so gut es geht in gemeinnützige Tätigkeiten einzubinden. Grünraumpflege, Bauhof. Wo immer es geht, beschäftigen wir sie.“ VBM Haldor Schennach weiß auch, dass die Asylwerber in seiner Gemeinde gerne diese Arbeiten machen – und sieht darin auch einen wichtigen Aspekt für das Zusammenleben: Diese Tätigkeit im öffentlichen Raum werde von den Einheimischen selbstverständlich auch wahrgenommen und gewürdigt.

Auch in Tannheim waren Bürgermeister und Gemeinderat bemüht, sich vor der großen Aufgabe nicht zu drücken; der Ort sollte auch eine Herberge anbieten können. Ein Fertigteilneubau für 25 Schutzsuchende wurde schon konkret diskutiert, zwischenzeitlich konnte ein Bauernhaus im Ort mit 18 Plätzen gefunden werden. „Was am Tag der Ankunft der Asylwerber passierte, hat nun zu einem Umdenken in ganz Tannheim geführt. Den Flüchtlingen, die aus einer Asylwerberunterkunft in Hall übersiedelt wurden, war Tannheim nicht gut genug. Nicht die Unterkunft an sich, sondern der Ort und das Tal im Gesamten. ,Am A.... der Welt‘ wollten sie nicht leben, sagten sie, und mussten noch am selben Tag zurückgebracht werden.“

Bezirksflüchtlingskoordinator Nick Rea bestätigt den Vorfall: „Ja, sie haben den Standort verweigert. So etwas kann halt auch passieren, inzwischen sind sie woanders untergebracht. Es gibt genug Leute, die sich freuen werden, ins Außerfern zu kommen. Man muss jetzt einfach wieder Ruhe einkehren lassen und von Neuem beginnen.“

Das Haus sei jedenfalls von der Verpächterin liebevoll hergerichtet worden, wischt BM Eberle gleich vorab jeden Zusammenhang mit der Unterbringungsqualität vom Tisch. Vom Tisch sei nun aber mehr im Ort, erklärt der Dorfchef. Tannheim, für Gäste liebenswerter touristischer Hotspot, als „nicht lebenswert, zu abgelegen“ zu bezeichnen und am „gleichen Tag wieder nach Hall abzuhauen“, dafür habe die Bevölkerung kein Verständnis – und er genauso nicht. Dauernd werde er von Einheimischen, die ihren Ort und ihr Tal lieben und schätzen, angesprochen, ob das wirklich passiert sei. Und er müsse das leider bestätigen.

So wenig Verständnis der Bürgermeister für den „arroganten Auftritt dieser Gruppe“ übrig hat, so sehr ist er bemüht, nicht zu verallgemeinern. „In der Nachbargemeinde Grän läuft es zum Beispiel sehr gut. Diese afghanischen Asylwerber haben allen anderen keinen guten Dienst damit erwiesen.“ Die Flüchtlingsunterkunft stehe nun wieder leer, das Engagement von Seiten der Tannheimer Ortspolitik, hier aktiv weiter zu machen, sei nach dem Vorfall jedenfalls mehr als gebremst, gibt Eberl­e offen zu.

- TT