Letztes Update am So, 14.08.2016 06:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tiroler Kulturerbe

Über den eigenen Zaun schau’n

Sie zwingen Wanderer zu einer akrobatischen Einlage oder zur Richtungsänderung. Sie setzen Mensch und Tier Grenzen: Zäune sind Teil der ländlichen Tradition Tirols, aus Holz und nach überlieferten Techniken gebaut.

© Vanessa Weingartner / TTLändliches Erbe über viele Meter: Stangenzaun in Brandberg im Zillertal.



Ein Land der Zäune. Das ist Tirol seit langer Zeit. Lebens- und Wirtschaftsraum sind im Gebirge knapp und liegen direkt nebeneinander. Eigene Ansprüche treffen unmittelbar auf jene von Nachbarn. Also werden Weide- und Nutzflächen abgesteckt, Wohnbereiche vor unerwünschtem Zutritt geschützt und abschüssige, gefährliche Stellen gesichert. Nie ist es weit bis zum nächsten Zaun.

Die Moderne hat die Zaunarchitektur verändert. Batteriebetriebene Stromzäune sind heute rasch aufgestellt, um das Vieh zusammen und Eindringlinge draußen zu halten. Als Passant will man gar nicht wissen, wie schmerzhaft eine Berührung mit dem knisternden Elektrofaden wäre. Also hütet man sich vor Kontakt.

Das ist auch für Zäune aus Stacheldraht zu empfehlen. Solche Vorrichtungen sind Ausdruck eines strengen Betretungsverbots. Zerrissene Hosenböden und Kratzer an Armen und Beinen zeugen von Versuchen, stachelige Hindernisse zu überwinden. Übertritt scheint nur unter Schmerzen möglich, wenn überhaupt. Es ist kein Zufall, dass Staaten solch bedrohliche Konstrukte an ihren Grenzen aufstellen. Derzeit haben sie dort Hochkonjunktur. Die reiche Welt hält die arme auf Distanz.

Es gibt aber auch Zäune mit Charme: aus Holz und von Hand gefertigt, mehr oder weniger regelmäßig in den Boden gerammt, kerzengerade himmelwärts gerichtet oder leicht geneigt wie die steilen Hänge, auf denen sie stehen, geprägt von Wind und Wetter. Solche Bauten vermögen es, den Vorbeikommenden gleichsam um den Finger zu wickeln. Er ist zur Kursänderung gezwungen, ergötzt sich aber auch an der ländlichen Kleinkunst, die sich vor ihm auftut, harmonisch eingefügt ins rustikale Ambiente.

Vier bis sechs Stangen müssen zwischen den einzelnen Zaunsäulen liegen. Das ist Hermann Thanner, dem Altbürgermeister von Brandberg, wichtig.
- Vanessa Weingartner / TT

In Brandberg, einem 350-Seelen-Dorf oberhalb von Mayrhofen im Zillertal, erstrecken sich Stangenzäune über 3400 Laufmeter: komplett aus Fichten- und Lärchenholz, auch die Nägel zum Fixieren sind aus Lärche. Zwischen den Säulen müssen vier bis sechs Stangen horizontal angebracht sein. Bei der Anzahl dieser Bauteile ist Hermann Thanner genau. „Mit weniger als vier ist es kein Stangenzaun“, pocht der 78-jährige Altbauer und Altbürgermeister ganz im Wortsinn auf Holz.

18 Jahre lang hat Hermann die Geschicke seiner Kleingemeinde auf 1082 Metern Seehöhe geleitet. „Im Jahr 2010 war es dann genug“, befindet er rückblickend. „In der Politik ist es halt wichtig, über den eigenen Zaun hinaus zu schau’n“, sinniert der Ortschef außer Dienst. Und ist damit wieder bei einem Lieblingsthema. Denn die Stangenzäune in Brandberg sind ihm eine Herzensangelegenheit. Bis zur Landesregierung nach Innsbruck ist er gepilgert, um wenigstens ein paar Euro an Unterstützung für den Erhalt der hölzernen Einfriedungen zu erwirken.

Die Förderquelle Land ist inzwischen versiegt, wie Hermann erzählt. Tourismusverband und Gemeinde schießen noch 1,10 Euro je Laufmeter Stangenzaun zu. Eine Geste der Anerkennung für geleistete Arbeit, mehr ist das nicht.

„Viele Junge sind an den Zäunen nicht mehr so interessiert“, wirkt Hermann ein wenig wehmütig. Folglich hat der Bestand der hölzernen Begrenzer in den letzten Jahren merklich abgenommen. Mehr als 460 Laufmeter Stangenzaun sind aus Brandberg verschwunden.

In Mösern wurde eine alte Tradition wiederbelebt. Speltenflechtzäune wie diese erfordern spezielle handwerkliche Fertigkeiten.
- Mair

Übel nehmen kann man das keinem der Landwirte. Denn der Erhalt von Naturzäunen ist mit Aufwand verbunden. „Es gibt praktisch jedes Jahr etwas auszubessern“, gibt Hermann zu bedenken. Seine eigenen Flächen sind, selbstverständlich, ebenfalls von Stangenzäunen umrahmt. Für dringende Reparaturen hat er ein Ersatzteillager an Stangen angelegt. Es handelt sich dabei um Wipfelstangen der Fichte, am besten acht bis zehn Meter lang. Die Rinde wird von Hand heruntergeschabt, das erhöht die Lebensdauer.

Ein schönes Mittel zum Zweck

Was den Zweck der Zäune anbelangt, ist Hermann Realist. „Natürlich sind diese heute vielfach nur noch eine Zierde unserer Gemeinde“, sagt er offen. Vielerorts wäre eine Einzäunung sogar verzichtbar. „Es wird nicht mehr so viel Vieh gehalten wie früher.“ Als Hermann noch jünger war, dienten solche Zäune weniger der Behübschung des Ortsbilds, sie waren in erster Linie ein Mittel zum Zweck: Sie hielten das Weidevieh davon ab, Wiesen und Felder kahl zu fressen.

Nächste Station beim Zaun-Schau’n ist Mösern auf dem Seefelder Plateau. Hier stechen dem Besucher besonders kunstvoll gestaltete Zäune ins Auge. Durch und durch aus Holz, ohne Schrauben und Stahlnägel, naturbelassenes Holz, aus Lärche und Fichte wie bei jenen in Brandberg. Die Möserer Zäune zeigen sich aufwändig verflochten oder werden von Ringen aus Holz zusammengehalten. Vieles davon ist das Werk von Wendelin Neuner. Der 23-jährige Jungbauer vom „Spacklerhof“ hat den Zaunbau als Einnahmequelle angezapft. Bauten aus seiner Herstellung schmücken inzwischen nicht nur das heimatliche Dorf, sondern sind vom Lechtal bis ins Tiroler Unterland zu finden.

„130 bis 150 Euro kostet der Laufmeter Zaun bei mir“, sagt Wendelin. Ein Geschäft sei das nicht, eher ein zeitaufwändiges Hobby. 2004, damals erst elf Jahre alt, hat er mit seinem Vater in Mösern den ersten Holzzaun aufgestellt. „Und der steht heute noch“, ergänzt er wie selbstverständlich. Die Lebensdauer liege bei 25 bis 30 Jahren. Nötige Reparaturen, speziell nach der Schneeräumung, führt der Zaun-Erbauer selbst durch.

Am Nösslachjoch im Wipptal trotzt dieser Zaun Wind (davon gibt es vom Brenner herunter genug) und Wetter. Entdeckt von TT-Leser Rudolf Senn.
- Senn

Bei Wendelins Zäunen handelt es sich nicht um Produkte, die seiner Fantasie entspringen. Die Zäune sehen genauso aus, wie sie der Tradition in Mösern entsprechen. Ausschließlich solche Techniken und Materialien kommen zum Einsatz.

Holz geflochten oder als Ring

Nach dem frühen Tod seines Vaters führt der Junior die Produktion weiter. Speltenflechtzaun (Spelten ist der Begriff für gespaltenes Fichtenholz) und Speltenringzaun (Holzringe zwischen horizontal angeordnetem Speltenholz) sind die überlieferten Zäune, die der junge Mann im Angebot hat. Immer wieder zeigt er Interessierten Handgriffe, die nötig sind, um ein solches Werkl aus Säulen, Stämmen und Ästen in die Landschaft zu stellen.

Für das Flechten und die Herstellung von Ringen müssen Fichtenäste geschmeidig gemacht werden. Das erfolgt auf folgende Weise: Das Holz wird eingeweicht, bis es sich mit Wasser vollgesaugt hat. Dann werden die Äste im Feuer erhitzt und erhalten so die gewünschte Dehnbarkeit.

Zäune aus Holz, mühsam von Hand geformt und aufrechterhalten: Diese stummen Objekte am Wegesrand erwecken im Vorbeikommenden fast den Eindruck, als ob sie sich dem Hightech-Zeitalter mit einer Mischung aus Trotz und Stolz entgegenstellen. Und das hat etwas Beruhigendes. (Markus Schramek)




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