Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.08.2016


Exklusiv

Das unterschätzte Vorratslager

Was bei den Deutschen derzeit die Angst vor einer bevorstehenden Katastrophe schürt, lässt die Tiroler kalt, fast zu kalt: die Empfehlung des Zivilschutzes, für Notfälle vorzusorgen und zu Hause Vorräte zu lagern.

Es muss keine Katastrophe sein, auch ein kleiner Zwischenfall genügt: Vorräte für einige Tage zu Hause zu haben, hilft.

© iStockphotoEs muss keine Katastrophe sein, auch ein kleiner Zwischenfall genügt: Vorräte für einige Tage zu Hause zu haben, hilft.



Von Gabriele Starck

Innsbruck – Die Wogen in Deutschland gingen hoch, als am Wochenende durchsickerte, dass Berlin die Bevölkerung dazu bringen will, Vorräte für den Krisenfall anzulegen. Die Aufforderung zu Hamsterkäufen verunsichere die Menschen, tobte die Opposition. Es gebe keinerlei Anlass, ein Angriffsszenario an die Wand zu malen.

Beim Zivil- und Katastrophenschutz des Landes Tirol wundert man sich über die deutsche Erregung. Hierzulande habe man nie damit aufgehört, den Menschen zur Vorratshaltung zu raten – auch nicht nach Ende des Kalten Krieges. „Wir bewerben das sogar ganzjährig bei Veranstaltungen und jeden Oktober besonders intensiv“, sagt Gabor Gunda, heuer in den Wartezimmern von Ärzten und mit einer neuen Zivilschutz-App.

Wie viele Haushalte den Empfehlungen nachkommen, ist nicht bekannt. Eine Imas-Umfrage von 2015 in Oberösterreich ergab jedenfalls, dass sich gerade einmal 16 Prozent „sehr gut“ für den Ernstfall vorbereitet halten, 26 Prozent aber gar nicht. Verunsichern würden derartige Informationskampagnen hierzulande jedenfalls kaum jemanden. Nur ein paar deutsche Mitbürger hätten tatsächlich schon bei ihm nachgefragt, welche konkrete Gefahr denn da vor der Bevölkerung geheim gehalten werde.

Dabei, so Gunda, gehe es gar nicht unbedingt um den Katastrophenfall. Er versucht den Menschen die Vorratshaltung mit positiven Beispielen näherzubringen. „Es ist doch auch fein, wenn ich schon was daheim habe, falls ich krank oder auch nur müde bin oder überraschend Gäste kriege.“ Was sei dabei, ein paar Pakete Reis, Nudeln und Konservendosen daheim zu lagern.

Davon abgesehen muss weder ein Reaktorunfall noch ein Cyberangriff Tirol überraschen, um die öffentliche Versorgung lahmzulegen. Dafür reichten schon extreme Wetterverhältnisse, erinnert der für Zivil- und Katastrophenschutz zuständige LHStv. Josef Geisler. Lawinen, Muren oder Überschwemmungen können sowohl die Straßenverbindungen als auch die Strom- und die Wasserversorgung für einige Tage unterbrechen. „Dann kann im betroffenen Gebiet auch kein Lebensmittelgeschäft mehr beliefert werden“, mahnt Gunda.

Sehr wohl in den Hintergrund geraten sei hingegen der Luftschutz-Gedanke. Die Vorschrift, bei Neubauten einen Raum zum Schutz vor Atomangriffen vorzusehen, wurde 1997 aufgehoben. Doch auch von den damals schon privat errichteten Luftschutzräumen – da ist von immerhin zwei Millionen Plätzen die Rede – würde heute kaum jemand profitieren. „Denn es war nie vorgeschrieben, dass der Raum auch fertig gestellt sein muss.“ So gesehen, gibt es zumindest in den Häusern aus jenen Jahren einen Platz, der gut als Vorratskeller genutzt werden kann.