Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 28.08.2016


Exklusiv

Zwei, die es trotz Hürden als Kassenarzt wagen

Der Mangel an Hausärzten bleibt das Sorgenkind der Ärztekammer und Politik. Wie geht es Allgemeinmedizinern, die gerade erst den Schritt in die Praxis gewagt haben? Was läuft gut, was schlecht? Ein Besuch bei einer Stadtärztin und einem Landarzt.

Hat sich mit Unterstützung ihrer ganzen Familie den Schritt als selbstständige Hausärztin zugetraut: Caroline Braunhofer.

© Julia HammerleHat sich mit Unterstützung ihrer ganzen Familie den Schritt als selbstständige Hausärztin zugetraut: Caroline Braunhofer.



Von Liane Pircher und Michaela S. Paulmichl

Innsbruck, Umhausen — Es hat drei Anläufe gebraucht, bis Umhausen wieder „seinen Doktor" hatte. Lange Zeit ließ sich keiner finden. Seit Juli ordiniert Dimitrios Karagiannis in dem Ötztaler Dorf — er ist Sprengelarzt, Notarzt, Medikamenten-Versorger mittels Hausapotheke in einem. Warum es so schwierig war, einen Nachfolger zu finden, kann Karagiannis nicht erklären: „Keine Ahnung. Vielleicht bin ich eine Ausnahme, denn es war immer mein Ziel, Landarzt zu sein." Schon sein Großvater betrieb eine Landarzt-Praxis, sein Vater blieb an der Klinik. Jetzt pendelt der Mediziner täglich von seinem Wohnort Innsbruck ins Ötztal. Das macht ihm nichts aus: „Ich weiß, dass viele in Tirol eine lange Anfahrt zum Arbeitsplatz scheuen, mich stört das nicht — in Städten pendelt man mitunter viel länger", sagt der Arzt. In Umhausen versorgt er an Spitzentagen bis zu 100 Patienten. Schnupfen behandle er am unliebsten, die Unfallchirurgie sei seine Schwäche. Kommen tut am Land alles: „Sogar ein Hund war schon dabei, dem ich die Bindehaut behandelt habe."

Was ihn an dieser Stelle reize? „Man hat hier irgendwie seine eigene kleine Klinik, als Hausarzt sieht man eine extreme Breite und kennt einen Großteil seiner Patienten." Die Praxis laufe besser, als er sich erwartet habe. Ideal sei, dass er hier u. a. ein eigenes Röntgen habe. Eine gute Starthilfe war, dass Karagiannis seinem Vorgänger keine Ablöse bezahlen musste. Diese hat die Gemeinde im Zuge ihrer verzweifelten Suche nach einem neuen Hausarzt übernommen. Trotzdem sei der Sprung in die Selbstständigkeit kein einfacher gewesen, denn: „Am Anfang muss man sich mit viel Bürokratie herumschlagen, als Arzt kennt man sich zwar in der Medizin, aber nicht im Unternehmertum aus", so Karagiannis. Er glaubt, dass dies für viele eine Hürde auf dem Weg zum Hausarzt sei. Man werde im Studium nicht darauf vorbereitet, wie man eine Praxis gründet: „Viele Mediziner stehen als Geschäftsmann wie die Trotteln da." Außerdem würde die Verantwortung gleich vom Start weg schwer wiegen: „Wenn einem als Arzt in einem kleinen Dorf ein Fehler passiert, spricht sich so etwas schnell herum. An einer großen Klinik mit vielen Ärzten ist man einer solchen Situation nicht so direkt ausgesetzt", sagt Karagiannis. Nicht jeder würde sich dieser Verantwortung gewachsen sehen.

Im neuen Kindergarten im westlichsten Innsbrucker Stadtteil Kranebitten spielen die Kleinen „Doktor Caro". Direkt darüber liegt die Hausarztpraxis von Caroline Braunhofer, die mit modischen Sandalen an den Füßen fröhlich durch die Ordinationsräume wirbelt, Schwung, Optimismus und gleichzeitig Kompetenz ausstrahlt. Die Patienten kommen herein und sagen „Griaß eich", viele werden mit dem Vornamen angesprochen. „Hier geht es schon ein bisschen ländlich zu", sagt die 30-jährige Hausärztin, die ihre Ordination im April eröffnete. „Ich bin in Kranebitten sehr freundlich aufgenommen worden. Die Leute sind froh, dass es hier jetzt eine Kassenpraxis gibt. Und ich bin froh über ihr Vertrauen."

Die Eröffnung einer eigenen Ordination war eine große Herausforderung: „Schließlich ist das hier ein Betrieb, der laufen soll." Es war die Unterstützung durch ihre Familie, die ihr die Sicherheit gab, zu sagen: „Ich probiere das jetzt aus." Papa Reinhard ist Tischler und baute die Möbel, Bruder Andre ist für alles Elektrische zuständig und für die Buchhaltung. Und Mama Ingrid — bis vor Kurzem Hausfrau — lernte den Umgang mit Computern und wurde Ordinationsassistentin. „Ohne ihre Hilfe würde ich es nicht schaffen", sagt die junge Ärztin über den ganz speziellen Familienbetrieb. „Denn ich bin durch und durch Medizinerin." Außerdem bleibe so mehr Zeit für die Patienten.

Arzt und Unternehmer sein zu müssen, schrecke viele davor ab, eine eigene Praxis zu eröffnen. „Unterstützung durch die jeweilige Gemeinde wäre für junge Mediziner ein Anreiz, diesen Schritt zu wagen. Es bräuchte eine Art ,Startpaket', denn die Geräte sind teuer. Und das Geld könnte man später zurückzahlen."

Caroline Braunhofer hatte überlegt, Unfallchirurgin zu werden, ist jetzt aber überzeugte Hausärztin: „Man sieht seine Patienten öfters, kennt den ganzen Menschen, die Vorgeschichte und das familiäre Umfeld. Es ist eine sehr abwechslungsreiche Aufgabe. Außerdem ist es einfach schön, gemeinsam mit den Babys älter zu werden", möchte sie das Interesse ihrer Berufskollegen wecken. Als Allgemeinmedizinerin müsse man auch Kasse anbieten: „Eine Hausärztin sollte für alle da sein, viele können sich einen Wahlarzt nicht leisten."

Und natürlich brauche es einen Freund — er ist Röntgentechnologe —, der akzeptiert, dass die Partnerin nicht immer Zeit hat. Eine Gemeinschafts- praxis war trotzdem kein Thema: „Die Patienten möchten immer vom gleichen Arzt betreut werden."

Landarzt aus Leidenschaft: Der gebürtige Grieche Dimitrios Karagiannis arbeitet seit Juli als Hausarzt in Umhausen - dafür pendelt er aus Innsbruck her.
Landarzt aus Leidenschaft: Der gebürtige Grieche Dimitrios Karagiannis arbeitet seit Juli als Hausarzt in Umhausen - dafür pendelt er aus Innsbruck her.
- Pircher

Zahlen & Fakten

5 Stellen sind derzeit in Tirol für Hausärzte ausgeschrieben.

5 Minuten: So wenig Zeit haben manche Kassen-Hausärzte für ihre Patienten.

4 Euro bekommen Kassenärzte pro Patient. Sonderleistungen werden zusätzlich bezahlt.

Zu wenige Mediziner gibt es auch im Facharztbereich, so werden derzeit dringend drei Psychiater gesucht. Die Stellen sind für den niedergelassenen Bereich mit Kassenvertrag ausgeschrieben.

77 Prozent der niedergelassenen Ärzte sind derzeit Männer und 23 Prozent Frauen. Weil aber immer mehr weibliche Ärzte nachkommen, braucht es familiengerechtere Arbeitsmöglichkeiten – deshalb wird von vielen die Erweiterung von Gruppenpraxen als Chance gesehen.

Die Hälfte aller Tiroler Ärzte sind Wahlärzte und reißt sich nicht um Kassenverträge. Chefarztpflicht, Sprengelarztdienste, fixe Honorarsätze ohne Leistungsanreiz und nicht zuletzt die geregelten Ordinationszeiten führten dazu, dass Wahlärzte mehr und Kassenärzte weniger wurden.

Aktuellen Prognosen zufolge wird es in Österreich im Jahr 2030 rund 2200 Fachärzte und rund 1100 Allgemeinmediziner zu wenig geben, jedoch 500 Zahnärzte zu viel.