Letztes Update am Do, 01.09.2016 09:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Medien

Amok und Terror: Psychiater fordern mediale Zurückhaltung

Reißerische Darstellung kann vor allem bei Amok Nachahmetaten auslösen. Die Täter sind in den seltensten Fällen psychisch krank.

© APA/AFP/CHRISTOF STACHE(Symbolbild)



Wien – Aus einer Berichterstattung über schwerwiegende Verbrechen sollte kein Amoklauf der Medienberichterstattung folgen. Die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) fordert jetzt die Medien in einer Stellungnahme zu mehr Besonnenheit und rationaler Zurückhaltung auf.

„Studien legen nahe, dass es - ähnlich wie bei Suiziden - auch bei Amokläufen das lebensgefährliche Phänomen des Nachahmens gibt. Sensationsberichte, welche die Täter und deren möglichen Motive sehr ausführlich und plastisch darstellen, können andere verleiten, ihre Probleme auf ähnlich grauenvolle Weise zu lösen zu versuchen. Dies wird in der wissenschaftlichen Literatur als ‚Werther-Effekt‘ bezeichnet“, heißt es in dem Dokument.

„Leider gilt das nicht für alle“

Die Kärntner Psychiaterin und Präsidentin der ÖGPP, Christa Rados, zeichnete dazu gegenüber der APA ein differenziertes Erfahrungsbild: „Manche Medien bedenken derartige Effekte durchaus häufiger und sind nicht gewillt, fragwürdige Sensationsberichte mit einem Überangebot an Bildern und Interpretationen zu veröffentlichen. Das begrüßen wir auch sehr. Leider gilt das aber nicht für alle.“

Besonders warnt die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik vor einer undifferenzierten Vermengung völlig verschiedener Hintergründe solcher Taten. „Terror, Beziehungstaten und psychiatrische Erkrankungen in einen Topf zu werfen, ist jedenfalls falsch. Unseriös sind auch ‚Schnellbeurteilungen‘ des Zustandes von Verdächtigen unmittelbar nach einem Gewaltdelikt und ebenso den Täter sofort nach der Festnahme, als ‚geistig verwirrt‘ zu beschreiben. In dieser Situation steht der Betreffende meist unter extremem Stress. Aber psychisch krank ist er deshalb noch lange nicht.“

Gerade solche Darstellungen fördern aber die Benachteiligung, Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen. Christa Rados: „Es kommen nach den Ereignissen der vergangenen Wochen bereits zahlreiche Patienten zu uns, die sich über die Berichterstattung beschweren. Sie fühlen sich durch die teilweise diskriminierende Wortwahl und Darstellung gekränkt. ‚Ich leide an einer psychischen Krankheit, aber ich bin weder gefährlich noch gewalttätig ‚, sagen sie beispielsweise.“

Gefährlichkeit wird überschätzt

Die wissenschaftliche Psychiatrie hat längst bewiesen: Die Gefährlichkeit psychisch Kranker wird erheblich überschätzt. Viel öfter sind sie Opfer von Gewalt. „Ein Risiko geht nur von einer extrem kleinen Gruppe von Menschen aus“, sagte Christa Rados. Aggressives Verhalten zu zeigen, bedeutet keineswegs, psychisch krank zu sein“, betonte die ÖGPP-Präsidentin. „Die generelle Bereitschaft von Menschen ohne psychische Erkrankung zu Radikalisierung und Gewalt wird hingegen unterschätzt. Außerdem werden in der modernen Medienwelt örtliche und zeitliche Distanzen minimiert. So kann leicht der Eindruck eines Kontinuums von Ereignissen entstehen, das gar nicht vorhanden ist.“ (APA)