Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.09.2016


Exklusiv

Heim: Viele Kinder bekommen Psychopillen

Ein brisantes Papier zeigt, dass derzeit in einem Tiroler Heim vielen Kindern Psychopharmaka verabreicht werden. Das Heim wurde wegen Auffälligkeiten vor vier Jahren vom Land überprüft.

Werden verhaltensauffällige Kinder zu schnell ruhiggestellt? In einem Papier wird die Beantwortung dieser Frage gefordert. (Symbolfoto)

© iStockphotoWerden verhaltensauffällige Kinder zu schnell ruhiggestellt? In einem Papier wird die Beantwortung dieser Frage gefordert. (Symbolfoto)



Von Brigitte Warenski

Innsbruck – Das jüngste der Kinder und Jugendlichen, die im Tiroler Heim laut den Unterlagen nachweislich mit Risperdal medikamentiert werden, ist sechs Jahre alt. Im Papier, das der Tiroler Tages­zeitung zugespielt wurde, geht es vor allem um die Frage, ob diese Häufung der Verschreibung des Neuroleptikums zum Wohl der Kinder passiert. Befürchtet wird, dass das Medikament zu schnell und zu lang bei Heimkindern mit Verhaltensauffälligkeiten eingesetzt wird, um diese ruhigzustellen. Aufgeworfen wird auch die Frage, wie und ob die Medikamentengabe flächendeckend kontrolliert wird. Laut Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber „obliegt es allein dem behandelnden Arzt, ob Psychopharmaka verschrieben werden. Es gibt Ärzte, die damit etwas großzüger umgehen, andere, die da restriktiver sind.“ Dass die Medikamentengabe nicht kontrolliert wird, ist laut Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe im Land Tirol, Silvia Rass-Schell, „nicht richtig. Kinder und Jugendliche sind in einer Entwicklungsphase und sollten so wenig wie möglich und so kurz, wie es nur geht, Psychopharmaka erhalten. Die Entscheidung darüber obliegt den Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie (Anm. der Redaktion: Neben der Klinik-Psychiatrie gibt es in Tirol zwei Kassenfachärzte, beide in Innsbruck). Vorher müssen außer den Eltern die zuständigen Sozialarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe informiert werden. Darüber hinaus hat die Kinder- und Jugendhilfe die Aufsicht über Einrichtungen wahrzunehmen und prüft auch die Dokumentation.“ Weil laut Rass-Schell in der besagten Einrichtung die Zahl der Verschreibungen auffällig war, „hat dies 2012 zu einer Sachverständigenprüfung geführt. Das Ergebnis ergab, dass die Medikation nicht zu beanstanden war und alle Kinder zusätzlich Psychotherapie erhielten.“

Laut Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Innsbruck, Kathrin Sevecke, „ist es derzeit ja so, dass die Einrichtungen einzelne Kinder bei Bedarf in unsere Ambulanz zur Abklärung bringen können. Wir würden aber gern die Konsiliarbetreuung für stationäre Jugendhilfeeinrichtungen übernehmen und darüber gab es auch schon positive Gespräche mit der zuständigen Landesrätin Christine Baur. Leider fehlen uns dafür im Moment die ärztlichen Ressourcen.“

Medikamente mit dem Wirkstoff Risperidon „haben natürlich schon ihre Berechtigung. Sie wirken sehr gut und es gibt kontrollierte Studien im Kinder- und Jugendbereich“, so Sevecke. Dennoch sieht sie das Medikament gerade bei Kindern mit aggressiver Verhaltensstörung „nicht als das Mittel erster Wahl. Zuerst müssen medizinische Ursachen – wie z. B. ein Gehirntumor – und soziale Ursachen für aggressives Verhalten wie ein Missbrauch ausgeschlossen werden. Dann folgen psychotherapeutische und pädagogische Maßnahmen und wenn alle Therapieversuche nicht greifen, setzt man das Medikament ein.“ Und auch dann ist die Arbeit des Kinder- und Jugendpsychiaters noch nicht zu Ende: „Die Dosierung des Medikaments muss auf das Kind exakt abgestimmt werden und es muss genau beobachtet werden, ob keine möglichen Nebenwirkungen wie Blutveränderung oder Kreislaufschwankungen eintreten.“

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