Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 20.09.2016


Innsbruck

Den Körper erleben und dabei die Sucht vergessen

Der Tiroler Verein sucht.hilfe BIN hat die Sporttherapie in sein Programm aufgenommen. Sie soll Suchtkranken bei der Problembewältigung helfen.

Sportpsychologe Stefan Öhler (l.) und BIN-Obmann Christian Haring beim Praxistest am Sportgerät.

© Bildagentur MühlangerSportpsychologe Stefan Öhler (l.) und BIN-Obmann Christian Haring beim Praxistest am Sportgerät.



Innsbruck – Das Sportgerät, das Sportpsychologe und Trainer Stefan Öhler zu Demonstrationszwecken im Gang der Beratungsstelle BIN für Suchtkranke aufgelegt hat, gleicht einer nicht montierten Strickleiter. Und während Vereinsobmann Christian Haring zum zweiten Mal über die freien Flächen zwischen den Sprossen tänzelt, erklärt Öhler Sinn und Zweck der Übung. Denn anders als in den meisten Bereichen des Sports ist es hier nicht Leistung, Geschwindigkeit oder Kraft, die zählt, sondern die Konzentration auf das eigene Tun. Nicht wer am schnellsten ins Schwitzen kommt, gewinnt, sondern wem es gelingt, sich voll auf die Betätigung einzulassen, in seinen Körper hineinhört und sich selbst neu kennen lernt. In diesen Phasen treten Probleme und Sorgen in den Hintergrund.

„Sporttherapie ermöglicht die günstige Beeinflussung und Überwindung von körperlichen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen und Beschwerden. Gerade in der Arbeit mit suchterkrankten Menschen verbessert sich nicht nur der körperliche Zustand. Sporttherapie zeigt Veränderungsmöglichkeiten auf und erhöht durch Rehabilitationserfolge das Selbstwertgefühl. Es hilft, dass er sich wieder kennen lernt und die alltäglichen und sonst omnipräsenten Probleme vergisst“, erklärt Stefan Öhler. Er ist im Verein für das Angebot der Sporttherapie verantwortlich. So sei es für einen Suchtkranken schon ein großer Fortschritt, wenn dieser zu sich sagt: „Mir geht es schlecht, ich gehe jetzt eine Runde.“ Dieses Kennenlernen und Erleben von Körper, Geist und Bewegung könne Betroffenen neue, zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, Wege aus der Sucht zu finden, betont Christian Haring. „Die Sport- und Bewegungstherapie ist als Therapieform mittlerweile fester Bestandteil der therapeutischen Praxis der stationären Suchtrehabilitation. Der Verein sucht.hilfe BIN bietet jetzt Sporttherapie auch außerhalb des stationären Bereichs an“, so Haring.

In Tirol sind rund 30.000 Menschen alkoholkrank, 60.000 Personen sind gefährdet, in die Alkoholsucht abzurutschen. Etwa 15.000 Tirolerinnen und Tiroler sind von Medikamenten abhängig, 7000 leiden unter Spielsucht. Der Verein BIN (Beratung, Information und Nachsorge) hilft und berät bei Abhängigkeitserkrankungen und bietet Beratung und Nachsorge an elf Standorten in Tirol. Nähere Informationen telefonisch unter 0512/580040 oder im Internet: www.suchtberatung-tirol.at (np)