Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.10.2016


Tirol

Tiroler Vereinsarbeit ist 1,3 Mrd. Euro wert

Vereine beklagen Schikanen und rechnen Politik den monetären Wert ihrer Arbeit vor.

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© dpa/Andreas Gebert



Innsbruck – Die übermäßige Bürokratie und der undurchschaubare Gesetzesdschungel mache den Vereinen das Leben unerträglich schwer, ergriff der Vorstand der Tiroler Versicherung, Frank Mair, gestern vor Medien Partei für die Vereine. „Wenn sich die Obleute bewusst wären, wofür alles sie haften, würden viele hinschmeißen“, meinte er und forderte: „Da muss die Bundespolitik gegensteuern, denn das ist ‚made in Vienna‘, nicht in Brüssel.“

Die Auswirkungen seien längst zu spüren, meinte Richard Kratzer vom Verein Tiroler Zeltfestkultur: „Die Zeltfeste werden weniger, die Klagen immer mehr.“ Aber immerhin seien die Feste ja dazu da, die Vereinstätigkeit zu finanzieren, gibt Kratzer zu bedenken. Die Politik müsste sich einmal überlegen, wie denn das Land ohne sie aussähe. Untermauern ließ sich Kratzer dies durch eine Studie von Studentinnen des MCI. Sie haben „die gesellschaftliche Relevanz der Vereine und Freiwilligenarbeit in Tirol“ untersucht, indem sie jeder im und mit dem Verein verbrachten Stunde einen Lohn zuwiesen. Julia Peer und Anna-Lena Pfister nahmen den durchschnittlichen Nettostundenlohn der Befragten von 11,25 Euro und rechneten ihn hoch: Bei 11.197 Vereinen im Land mit mindestens sechs – gesetzlich vorgeschriebenen – Funktionären und angenommenen sechs einfachen Mitgliedern, die jeweils 23,5 Stunden monatlich investieren, ergäbe das einen monetären Wert der jährlichen Vereinsarbeit von 1,3 Milliarden Euro. Diese Summe müsste ein fiktiver Arbeitgeber für das ehrenamtliche Engagement bezahlen. Das sei wesentlich mehr, als das Land für die Gesundheit oder die soziale Wohlfahrt ausgebe, sagten die Studentinnen.

Für den Einzelnen – 74 Prozent der Befragten waren Männer, was laut Studentinnen durchaus der realen Geschlechterverteilung in Vereinen entspricht – ergäbe es einen Nettowert von 3172,50 Euro im Jahr. „Damit könnte er 19-mal im Vier-Hauben-Lokal essen gehen oder eine dreiwöchige Pazifikkreuzfahrt auf der Queen Elizabeth machen“, rechneten Pfister und Peer vor.

Beeindruckend für ihren Betreuer am MCI, Johannes Dickel, waren die ausführlichen Antworten der Befragten, wo es um die Bedeutung von Vereinen und ihre Herausforderungen ging. Das zeige, wie viele Emotion in dem Thema stecke. (sta)

Das Tiroler Vereinsmitglied ist statistisch betrachtet ein verheirateter Mann mit zwei Kindern, älter als 36 Jahre, in mehr als drei Vereinen und investiert durchschnittlich 23,5 Stunden im Monat für diese.

Vereine in Tirol. Laut Landespolizeidirektion gibt es 11.197 Vereine. Da jeder mindestens sechs Funktionäre haben muss, wären das wenigstens 67.182.

MCI-Studie. Sie fußt auf 577 von Vereinsmitgliedern ausgefüllten Fragebögen. Freiwillige Feuerwehren wurden mitgezählt. Finanziell unterstützt wurde die Studie von der Tiroler Versicherung.