Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 16.10.2016


Exklusiv

Trennung: „Doppelresidenz schürt neue Konflikte“

Das Recht des Kindes auf beide Eltern: Das Modell der Doppelresidenz wird derzeit stark propagiert, Experten warnen aber vor einer überhasteten Umsetzung. Es gibt zu viele offene Fragen.

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Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck, Wien – Die Eltern haben sich getrennt, doch das Kind hat zu seiner Mutter und seinem Vater gleich viel Kontakt, wird von beiden erzogen und abwechselnd betreut: ein Modell, das die einen als Meilenstein in der gemeinsamen Obsorge betrachten, andere dagegen sehen darin viele Gefahren und verweisen auf fehlende Rahmenbedingungen.

„Wir reden hier von einer gleichberechtigten Erziehung, dabei sind wir immer noch in traditionellen Rollenbildern verhaftet. Nach der Geburt nimmt immer noch die Frau die Hauptaufgabe der Betreuung wahr. Wie soll etwas funktionieren, was schon bei aufrechter Ehe nicht geklappt hat oder wo sich der Vater nicht berufen fühlte, sich einzubringen?“, fragt sich Gabriele Fischer, Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende (ÖPA). Gemeinsam mit Martin Christandl von der Tiroler Männerberatung „Mannsbilder“ und Barbara Baumgartner vom Verein „Rainbows“, der Kinder und Jugendliche nach einer Trennung der Eltern betreut, warnt sie vor einer überhasteten Umsetzung des Betreuungsmodells. Es sei immer vom Recht beider Eltern aufs Kind die Rede, im Vordergrund sollten aber die Rechte und das Wohl des Kindes stehen.

Während es österreichweit Vorstöße für das Wechselmodell gibt und sich demnächst die ersten Landtage damit beschäftigen werden, sind offensichtlich viele Fragen offen, was die Umsetzung in der Praxis betrifft. „Natürlich brauchen die Kinder beide Elternteile, aber für die Durchführung dieses Modells müssen die Voraussetzungen stimmen, so sollten die Eltern nicht zu weit voneinander entfernt leben“, sagt die Psychologin und Erziehungswissenschafterin Barbara Baumgartner. „Die Kinder sollten auch ihren Freundeskreis behalten können und einen nicht zu langen Kindergarten- oder Schulweg haben.“ Ein Thema, das häufig für Debatten sorgt und in einem Fall dazu führte, dass ein sechsjähriges Kind nach der Scheidung allein im Zug zwischen Innsbruck und dem Unterland in die Schule pendelt.

Die Kinder dürften auch nicht zu jung sein, mahnt Baumgartner. Sie sollten mindestens das Kindergartenalter erreicht haben. Noch viele weitere Fragen seien ungeklärt, etwa ob ein späterer Ortswechsel des Vaters oder der Mutter überhaupt zulässig ist. „Und was ist bei hochstrittigen Scheidungen oder wenn Gewalt im Spiel ist? Auch darüber müssen wir reden“, sagt Gabriele Fischer. In Deutschland sei es sehr schwierig, aus dem Modell auszusteigen, wenn sich die Lebensumstände ändern.

Dass beide Eltern zustimmen und es keinen Druck oder Zwang vom anderen Elternteil oder Gesetzgeber geben darf, ist eine der Voraussetzungen, die laut ÖPA gewährleistet sein müssen. Weil Gerüchten zufolge genau das Gegenteil geplant sei, ist die Aufregung groß. Weiters müsse die Regelung im Interesse des Kindes sein, so ÖPA. Dazu soll jeder Fall einzeln geprüft werden. Eine funktionierende Kooperation, Kommunikation und gegenseitige Akzeptanz zwischen den Eltern im Hinblick auf die Kinder wird vorausgesetzt. Statt starrer Betreuungssituationen und 50:50-Lösungen sollte das Modell im Sinn des Kindeswohls flexibel gestaltet werden. Außerdem müsse der Unterhalt für das Kind gewährleistet sein und die Familienbeihilfe beim schlechter verdienenden Elternteil bleiben. Eine verpflichtende Beratung und eine Probezeit sind weitere Forderungen.

Unterstützer der Doppelresidenz verweisen gerne auf das schwedische Modell, das aber nicht auf Österreich heruntergebrochen werden dürf­e, wie Martin Christandl sagt. „Die Einstellung der Väter in beiden Ländern unterscheidet sich nicht, aber in der Praxis ist der Unterschied riesig. Dort gilt es als altmodisch, wenn ein Mann nicht in Karenz geht. Bei uns herrschen ganz andere Voraussetzungen, vor allem in der Arbeitswelt.“ Der Dachverband Männer- arbeit Österreich, zu dem auch die „Mannsbilder“ gehören, engagiert sich für väterliche Präsenz in der Familie und für Rahmenbedingungen, die es auch Männern erlauben, Familienleben und Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bekommen.

Christandl: „Viele Väter befürworten die Doppelresidenz, sie fühlen sich dadurch gleichberechtigt, aber natürlich geht es auch ums Geld. Sie denken, weniger oder keine Alimente zahlen zu müssen.“ Dabei werde oft verkannt, dass es für viele Männer aufgrund der Arbeit gar nicht möglich ist, sich um die Kinder zu kümmern. „Die sind dann halt bei den Großeltern.“ Väter sollten präsent sein, und viele würden das auch wollen. Die Durchführung aber sei sehr komplex, „da kann der Staat nicht einfach hergehen und etwas drüberstülpen!“. Denn dann würde er die Versäumnisse vergangener Tage leugnen. Christandl ist überzeugt: „Dieses Modell passt vielleicht für zehn Prozent der Fälle.“

In Österreich gehen nur fünf Prozent für längere Zeit in Väterkarenz. „Realität ist, dass die Mütter bei den Kindern sind, dadurch weniger arbeiten können und weniger verdienen“, sagt Barbara Baumgartner. Eine Trennung bedeute immer finanzielle Verluste – für beide. Streit sei häufig vorprogrammiert. „Anstatt hier einzugreifen und zur Deeskalation beizutragen, werden durch die Doppelresidenz neue Konflikte geschürt!“