Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.10.2016


Gesellschaft

Weibliche Wohnungslosigkeit bleibt meist unsichtbar

277 Frauen im Raum Innsbruck sind beim Dowas für Frauen wohnungslos gemeldet. Die tatsächliche Zahl dürfte weit höher liegen.

Wohnungslose Frauen fühlen sich häufig schuldig an ihrer Situation, statt um Hilfe zu bitten.

© iStockphotoWohnungslose Frauen fühlen sich häufig schuldig an ihrer Situation, statt um Hilfe zu bitten.



Von Gabriele Starck

Innsbruck – Seit 30 Jahren bietet der Verein Dowas für Frauen einen geschützten Raum für Frauen in Krisensituationen. Sie finden dort Unterstützung bei der Wohnungssuche bzw. eine vorübergehende Unterkunft und Beratung zu Themen der Existenzsicherung. Der Bedarf an Hilfe ist in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht weniger geworden. Vergangenes Jahr berieten die Dowas-Mitarbeiterinnen 846 Frauen, heuer dürften es noch mehr werden, sagt Geschäftsführerin Natascha Chmelar.

Frauen seien nach wie vor stärker von Armut betroffen als Männer. Bei den Alleinerziehenden seien 42 Prozent zumindest armutsgefährdet. Die exorbitant hohen Wohnungspreise bei schlecht bezahlten Jobs und atypischen Beschäftigungsverhältnissen verschärften die Lage. Arm zu sein, obwohl Frau arbeite, sei real in Tirol, betont Chmelar.

277 Frauen ohne Wohnung sind derzeit beim Verein gemeldet, 102 davon – meist sehr junge Frauen – mit Kindern fragten heuer um Aufnahme in der Wohngemeinschaft an. „Die Mehrzahl von ihnen mussten wir abweisen, weil wir nur begrenzt Übergangswohnplätze zur Verfügung haben“, bedauert Chmelar. Auch betreute Wohnungen, die Frauen in Krisen ermöglichen sollen, sich wieder zu stabilisieren, gebe es zu wenige.

Chmelar appelliert an Innsbrucks Vermieter, doch mehr leistbaren Wohnraum für Frauen in Not zur Verfügung zu stellen. Derzeit dauere die Suche nach einer Wohnung durchschnittlich acht Monate.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Dass die wohnungslosen Frauen in der Öffentlichkeit kaum auffallen, liegt für Chmelar in der Scham, um Hilfe zu bitten. „Ihre Obdachlosigkeit bleibt meist unsichtbar. Frauen fühlen sich schuldig. Sie suchen Unterschlupf bei Freundinnen oder aber bei irgendeinem Mann und begeben sich damit in Abhängigkeit, die häufig in sexueller Ausbeutung mündet.“ Oft spiele auch die Angst mit, dass ihnen die Kinder genommen werden könnten, wenn ihre Situation bekannt wird.

Dowas für Frauen feiert heute das 30-jährige Bestehen ab 14 Uhr im Haus der Begegnung in Innsbruck. Bettina Zehetner von der Uni Wien wird „Zur gesellschaftspolitischen Notwendigkeit feministischer Beratung“ sprechen.