Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 02.11.2016


Osttirol

Lift ermöglicht Lea den Schulbesuch

Kindergärten und Schulen sind in den seltensten Fällen barrierefrei erreichbar. Die Volksschulen Süd I und Michael Gamper in Lienz verbindet nun ein Lift – eine Investition in die nahe Zukunft, sagen die Direktoren.

Zwei Schulen in einem Gebäude: Vom Eingang im Hintergrund führen zehn Stufen zur VS Süd I. Im Obergeschoß ist die VS Michael Gamper.

© BlassnigZwei Schulen in einem Gebäude: Vom Eingang im Hintergrund führen zehn Stufen zur VS Süd I. Im Obergeschoß ist die VS Michael Gamper.



Von Cristoph Blassnig

Lienz – Lea ist von Geburt an in den Bewegungen ihrer Gliedmaßen eingeschränkt. Die Beine sind stärker betroffen, sonst trainiert man mit ihr mehr die Feinmotorik. Weil für das Mädchen häufig Arzttermine, Untersuchungen und Therapien nötig waren, sind seine Eltern mit der heute Sechsjährigen damals aus einem Tal in die Stadt übersiedelt.

Kurze Strecken kann Lea alleine zurücklegen. „Im Kindergarten Villa Monti hat sie die sechs Stufen bis ins Hochparterre zu ihrer Gruppe selbst geschafft“, erzählt ihre Mama. Barrierefreiheit sei in dem denkmalgeschützten Haus nicht umzusetzen, habe es geheißen. Musste das Mädchen doch einmal zu den Kindern ins Obergeschoß, hat man es dorthin getragen. Die Familie ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

Die beiden Schulleiter Ingrid Tegischer und Johannes Moritz mit Leas Mutter Sarah (rechts) im neuen Aufzug.
Die beiden Schulleiter Ingrid Tegischer und Johannes Moritz mit Leas Mutter Sarah (rechts) im neuen Aufzug.
- Blassnig

Im Vorjahr haben sich Leas Eltern bei der Direktorin der Volksschule Süd I, Ingrid Tegischer, zur bevorstehenden Einschulung angemeldet. Schnell war klar, dass das Mädchen – ähnlich wie im Kindergarten – die zehn Stufen bis ins Hochparterre unter Anstrengungen aus eigener Kraft nicht überwinden würde können.

„Wir teilen viele Einrichtungen mit der Volksschule Michael Gamper im Obergeschoß“, erklärt die Direktorin. Der Computerraum befindet sich oben. Die Schulbibliothek dagegen liegt im Keller. Ebenfalls dort unten sind noch vier Klassenzimmer und der gemeinsam genutzte Werkraum. Der Turnsaal ist aus dem Hochparterre wieder nur abwärts über die zehn Stufen zu erreichen. Im gesamten Gebäude, das vor sechzig Jahren gebaut wurde, war auch keine behindertengerechte Nasszelle vorgesehen. Die Lehrertoilette im Hochparterre wurde jetzt für ein solches WC aufgegeben. Die beiden Schulen stoßen in dem Gebäude räumlich schon lange an ihre Grenzen.

Aus der Lehrertoilette wurde ein behindertengerechtes WC.
Aus der Lehrertoilette wurde ein behindertengerechtes WC.
- Blassnig

„Es hat sich in unserer Arbeit vieles zum Besseren verändert“, meint der Direktor der Michael-Gamper-Schule, Johannes Moritz. „Früher wurden die Kinder normiert. Das Raumangebot war kein Thema. Heute bieten wir den Schülern alle Möglichkeiten, die unser Umfeld zulässt.“ Die Kinder lernen in Kleingruppen. Dazu kommen Einzel- und Förderunterricht, islamische Religion, Schach, Chor, Informatik, um nur eine Auswahl zu nennen. „Schulmöbel stehen bei uns nicht ohne Grund in den Gängen.“ Für die insgesamt fünfzehn Klassen wären sieben eigene Gruppenräume nötig. „Es gibt keinen“, verdeutlicht Moritz die Platznot, wie sie aufgrund der veränderten Unterrichtsformen in vielen Schulgebäuden herrscht.

Beide Direktoren betrachten die Einschulung der motorisch eingeschränkten Lea als einen Weckruf, was nicht allein nur baulich an den Schulen zu verändern sein wird, wenn die bis zum Jahr 2020 geplante Inklusion von Kindern mit besonderen Bedürfnissen möglich werden soll. Lea wird den ganzen Vormittag von einer Schulassistentin begeitet.

Direktorin Ingrid Tegischer berichtet, dass Stadtbaumeister Klaus Seirer nach ihrer Kontaktaufnahme vor einem Jahr rasch reagiert habe. Umgehend sei mit den Planungen für einen Personenaufzug, der alle Stockwerke des Gebäudes barrierefrei erreichbar macht, begonnen worden. Vom Schuljahresende bis vor zwei Wochen haben die Arbeiten für den Umbau gedauert – bei Kosten von weit über 100.000 Euro.

Leas erstes Volksschuljahr hat erst begonnen. „Sie hat vom ersten Tag an begeistert erzählt, wie viele neue Freunde sie schon gefunden hat“, berichtet ihre Mama.