Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.11.2016


Österreich

Staatsakt für Missbrauchsopfer: Zwischen Würdigung und Ausgrenzung

Der Staatsakt der Republik für Missbrauchsopfer soll versöhnen. Doch im Vorfeld gibt es viel Kritik.

© APAIm Wiener Heim Wilhelminenberg fand systematischer Missbrauch von Heimkindern statt, stellte eine Kommission fest.



Wien – Einer der schönsten Säle der Republik, der historische Sitzungssaal im Parlament, wurde reserviert. Es ist der Ort, wo der Bundespräsident angelobt wird, wie man im Parlament betont. Dort wollen das offizielle Österreich und die Kirche eine „Geste der Verantwortung“ gegenüber missbrauchten und misshandelten Kindern zeigen. Experten und Psychologen haben an der Vorbereitung der Veranstaltung mitgewirkt, 250 ehemalige Missbrauchsopfer wurden eingeladen. Sie sollen am 17. November in der Mitte des Saales sitzen, die Vertreter der Republik sowie die kirchlichen Würdenträger am Rand. Ein Zeichen der Wertschätzung soll das sein. Trotzdem: Der Staatsakt kommt nicht bei allen Betroffenen gut an.

Neben Nationalratspräsidentin Doris Bure­s, Bundesratspräsident Mari­o Lindner und Bundeskanzler Christian Kern (alle SPÖ) wird auch Kardinal Christoph Schönborn erwartet. „Das offizielle Österreich und die Kirche wollen mit der Veranstaltung zum Ausdruck bringen, dass die Republik Lehren aus dem geschehenen Unrecht gezogen hat und das unfassbare Leid der Betroffenen mitsamt seiner lebenslangen Konsequenzen anerkennt“, heißt es in der Einladung. Doch das ist genau einer der Punkte, die unter den Missbrauchsopfern für Empörung sorgen.

Insbesondere Mitglieder der Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt können der Veranstaltung im Parlament nichts Positives abgewinnen. „Bures lässt eine Instrumentalisierung des Parlaments für Werbezwecke der Kirche zu“, kritisiert Sepp Rothwangl, Sprecher der Plattform, in einer Aussendung. Er bemängelt, dass „die Kirchenopfer mit Almosen abgespeist, zum Schweigen gebracht und die Täter großteils von der Klasnic-Kommission gedeckt“ werden. Auch die Selbsthilfegruppe der Ex-Heimkinder hat Bedenken. Sprecher Johann Kailich: „Wir können uns eine solche Zeremonie erst vorstellen, wenn unsere Forderungen nach der Herausgabe unserer Akten und nach einer Entschädigung aller Betroffenen erfüllt ist. Die Ex-Heimkinder haben Schreckliches erlebt, viele nagen am Hungertuch und werden im Ämterspießrutenlauf im Kreis geschickt.“

Im Parlament, wo die Veranstaltung vorbereitet wird, sei man über die Kritik erstaunt, sogar „erschüttert“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. So konnten im Begleitheft zum Staatsakt positive Stimmen gesammelt werden. „Durch die Geste der Verantwortung nehmen Politiker und Kirche endlich Stellung zu den Misshandlungen und Missbräuchen“, meint eine Betroffene. Und ein Betroffener sagt: „Nun sind wir im Parlament angekommen.“

Die Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt argumentiert ihre kritische Haltung vor allem damit, dass Betroffene ausgegrenzt werden. Die Aktivisten verweisen auf eine Entscheidung der damaligen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (SPÖ), die im Februar 2013 ein Symposium zu „Gewalt und Missbrauch“ der von Waltraud Klasnic geführten Untersuchungskommission für sexuellen Missbrauch in der Kirche im Parlament absagte. Prammer begründete die Absage damit, dass sie „unbedingt vermeiden möchte, dass sich die Opfer ausgegrenzt fühlen“. Nationalratspräsidentin Bures verteidigt den Staatsakt trotzdem – und versprach Aufklärung. Denn: Der Staatsakt „kann und soll keinen Schlusspunkt unter offene Diskussionen und Aufarbeitung setzen“. (ritz)

Gewalt und Missbrauch in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen: Österreich und die Kirche veranstalten den Staatsakt für jene Menschen, die in staatlichen oder kirchlichen Heimen Unrecht erleiden mussten. 7100 Menschen zählen zu den Opfern, 250 wurden stellvertretend eingeladen. Der Staatsakt wird am 17. November auf ORF III übertragen.