Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 29.11.2016


Tirol

Denkmäler als “Spiegel politischer Machtverhältnisse“

Der Wiener Historiker Peter Pirker im Gespräch über politische Aufladungen von Denkmälern und Tiroler Wappengitter-Diskussionen.

© APA/GEORG HOCHMUTHDas Innsbrucker Befreiungsdenkmal.



Von Ivona Jelcic

Innsbruck – Tirol lieferte in den vergangenen Monaten ein anschauliches Beispiel dafür, wie schnell sich das Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus in eine Politikfehde verwandeln kann: In der Frage, ob die Gitter mit den in Kreuzform angeordneten Bundesländerwappen am Befreiungsdenkmal auf dem Landhausplatz zu oder offen bleiben sollen, hat man sich zuletzt bekanntlich auf die sprichwörtliche österreichische, nämlich die Auf-zu-Variante, geeinigt.

Dass von Öffnungsgegnern auch auf den Katholizismus gepocht wurde (das Kreuz ist nur bei geschlossenen Gittern zu sehen), widerspricht für den Wiener Historiker Peter Pirker dem eigentlichen Fokus des Erinnerns. 2011 wurden am Befreiungsdenkmal die Namen von Opfern des Widerstands angebracht, inzwischen wurde die Inschrift auch erweitert. „Aber es ist ja keineswegs so, dass da nur katholische Widerstandkämpfer oder NS-Gegner genannt sind“, so Pirker im TT-Gespräch, „sondern es ist eine ganze Palette verschiedener Menschen, von Zeugen Jehovas über jüdische Zwangsarbeiter bis hin zu politischen Widerstandskämpfern im engeren Sinn, Sozialisten und Kommunisten.“

Überhaupt, sagt Pirker im Hinblick auf die Tiroler Debatte, habe es den Beschluss für die Öffnung der Gitter „ja bereits 2011 gegeben und sie sind mit gutem Grund geöffnet worden. Dass dieser Stand der Diskussion, der durchaus ein Fortschritt gegenüber der bisherigen Erinnerungskultur gewesen ist – nämlich durch die Integration von Personen, die bisher nicht im Fokus des Erinnerns gestanden sind –, jetzt wieder revidiert wird, ist schon einigermaßen skurril.“

Peter Pirker, Historiker und Politikwissenschaftler, Wien. Zahlreiche Publikationen zur NS-Herrschaft in Österreich, Exil und Widerstand. Co-Leiter des Forschungsprojekts „Politics of Remembrance“ zu Wien und seiner Gedenkultur.
- privat

Pirker hat zuletzt in Wien Erinnerungsorte beforscht: Zusammen mit Walter Manoschek untersuchte er die Wiener Gedenkkultur im öffentlichen Raum („Politics of Remembrance and the transition of public spaces“). Die meisten Denkmäler entstanden in der unmittelbaren Nachkriegszeit, „und diese Erinnerungszeichen sind zu einem bestimmten politischen Zweck errichtet worden“, sagt Pirker. Die Alliierten hatten in der Moskauer Deklaration die Opfertheorie festgeschrieben, jetzt ging es – auch entgegen gesellschaftlicher Wirklichkeiten – zudem um „nationale Sinnstiftung“, etwa in Form von Zeichen für die Beitragsleistung von Österreichern und Österreicherinnen zur Befreiung vom Nationalsozialismus. Über deren Ausgestaltung entstanden freilich rasch auch „starke Konflikte zwischen den politischen Fraktionen der neuen Republik“, sagt Pirker. „Wenn wir Denkmalprozesse untersuchen, dann sehen wir, dass es meistens verschiedene Gruppen gibt, die versuchen, ihre Interessen einzubringen. Wie das Denkmal letztlich aussieht, das spiegelt auch gesellschaftliche und politische Machtverhältnisse wider. Man muss sich also auch ansehen, wie sie zustande gekommen sind, wer sich mit einer bestimmten Geschichtsinterpretation durchgesetzt hat und welche Sichtweisen und Perspektiven marginalisiert worden sind.“

Dabei mache es einen Unterschied aus, ob Projekte auf staatspolitischer Ebene oder aus breiten zivilgesellschaftlichen Prozessen heraus entstehen. Letzteren gab es beim 2014 eröffneten Deserteursdenkmal am Wiener Ballhausplatz, dem ein jahrzehntelanger politischer Konflikt über die Rehabilitierung von Verfolgten der NS-Militärjustiz vorausgegangen war. Das Buch „Verliehen für die Flucht der Fahnen“ (Wallstein Verlag) dokumentiert den Entstehungsprozess dieses Mahnmals und lässt auch Angehörige zu Wort kommen, etwa Hubert Inner­ebner, Sohn von Josef Innerebner, einem der Deserteure vom Vomperloch. Hubert Innerebner wird auch bei der Buchvorstellung am 1. Dezember im Gemeindemuseum Absam zu Gast sein und an einem Gespräch über das „Denkmal als Prozess“ mit Peter Pirker teilnehmen.

„Denkmäler können“, ist Pirker überzeugt, „immer auch Anstoß sein. Nicht nur für die Reflexion historischer Ereignisse, sondern auch für die Reflexion auf das eigene politische und soziale Verhalten in der Gegenwart. Und das sind wertvolle Diskussionen, die man möglichst breit führen sollte, weil sie letztlich ein Beitrag zur demokratischen Gesellschaft sind. In Tirol hat es ja auch den Vorschlag gegeben, am 8. Mai am Befreiungsdenkmal eine Gedenk- und Erinnerungsveranstaltung zu machen. So etwas ist natürlich immer eine Gelegenheit, die Diskussion in die Gesellschaft zu tragen.“

Buchpräsentation und Diskussion im Museum Absam: 1. Dezember, 20 Uhr.