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Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 04.12.2016


Gute Geschichten zum Advent, Teil 4

Farbenfrohe Enten und viel mehr

Petra Jenewein arbeitet im Demenz-Servicezentrum der Caritas Tirol. Von den vielen Begegnungen mit Menschen ist ihr eine ganz besonders in Erinnerung geblieben.

Petra Jenewein (l.) hat die an Demenz erkrankte Frau K. während ihrer letzten vier Lebensjahre begleitet.

© CaritasPetra Jenewein (l.) hat die an Demenz erkrankte Frau K. während ihrer letzten vier Lebensjahre begleitet.



Innsbruck – Vor etwa vier Jahren haben sich beruflich unsere Wege gekreuzt. Frau K. hat ihren Arztbrief auf meinen kleinen Tisch gelegt mit den Worten: „Ich habe eine Demenzdiagnose bekommen. Alzheimer. Sagen Sie mir bitte, welche Unterstützungsangebote es gibt, wenn ich sie dann einmal brauchen sollte. Und eigentlich“, sie hielt kurz inne, „eigentlich sollten sich meine Freunde informieren, die bräuchten das viel dringender.“ Frau K. hatte ein intensives Leben geführt bis dahin und auch danach. Und ich habe schon zahlreiche Demenzberatungen absolviert, viele Lebensgeschichten wurden mir von Angehörigen von Menschen mit Demenz anvertraut. Und doch lag bereits dem ersten Gespräch mit Frau K. ein ganz besonderer Zauber inne. Eine starke Frau saß bei mir, die trotz ihrer Verzweiflung aufgrund der niederschmetternden Krankheitsdiagnose Demenz ihren unverwechselbaren Humor durchblitzen ließ.

Sie hatte als Friseur­meisterin jahrzehntelang ihren eigenen Salon in der Reichenau geführt. Bis zuletzt hat sie ihre Haare auch dort schneiden lassen. Ein tadelloses Aussehen war ihr stets ein Anliegen. Es hat mehrere Männer in ihrem Leben gegeben, mit einem war sie vor Jahrzehnten vier Jahre verheiratet. „Ich bin alleinstehend“, hat sie mit einem bedrohlichen Unterton hinzugefügt. Und ich habe damals vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben die Tiefe eines solchen Bekenntnisses verstanden. Ihre Mutter hat Frau K. unter tragischen Umständen verloren, ich frage mich manchmal, wie ein Mensch so etwas aushalten kann. Sie war nicht immer eine angenehme Zeitgenossin, fand auch später im Rahmen ihrer Demenz teils harte Worte ihren Mitmenschen gegenüber. Nicht überall war sie gern gesehen. Ich habe mich jedes Mal gefreut, ihr zu begegnen, wir waren einander gewachsen, sind aneinandergewachsen und uns immer ganz nahe gewesen. Bei schwierigen Entscheidungen, wie: „Soll ich nun meine Wohnung auflösen und ganz ins Nothburgaheim ziehen?“, hat sie mich um Rat gefragt. Und das war zu einer Zeit, als ihre kognitiven Fähigkeiten aufgrund der Demenz bereits stark angegriffen waren. Es ging meinerseits weniger um eine sachlich richtige Antwort oder Empfehlung, sondern vielmehr darum, ihre Gefühlsschwankungen, Ängste und Bedrohungen mit ihr auszuhalten.

Ja, Frau K. war alleinstehend, hatte keine Angehörigen mehr, aber sie hatte in den letzten Jahren in meiner Wahrnehmung zumindest drei stabilisierende Zugehörige. Da war ihre Freundin Y., die ihr höchst liebevoll, aufopfernd und zeitintensiv zur Verfügung gestanden ist, Tag für Tag. Y. hat ihr neben all den Unterstützungen auch eine Ersatzfamilie geboten. Und es gab ihren ehemaligen Lehrling R., die ein Leben lang ihrer strengen Meisterin verbunden war. Und ganz nebenbei auch meine Friseurin ist. Und es gab mich. Am Sterbebett von Frau K. haben wir drei Frauen in der letzten Nacht Wache bei ihr gehalten und das war gut so. „Danke“, habe ich bei meinem Abschied geflüstert und ich bin mir sicher, sie hat gespürt, wie ich es meinte. Hätte sie noch die Kraft dazu gehabt, hätte sie gelächelt, das weiß ich ganz genau. Am 28. Oktober 2016 ist Fr. K. kurz vor ihrem 71.Geburtstag von uns gegangen.

In meinem Büro stehen nun bunte Enten und eine farbenprächtige Lampe, Erinnerungen an Frau K. Als Zeichen meiner Dankbarkeit und Demut vor so viel gelebtem Leben habe ich fünf weiße Rosen zum Urnengrab gelegt.

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