Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 18.12.2016


Innsbruck

Auf der Spur verbotener Substanzen

Die Untersuchung von Abwässern nach Drogen liefert wichtige Erkenntnisse über die Szene. Innsbrucker Forscher sind österreichweit Vorreiter.

© Rudy de Moor / TTIn den Labors der Gerichtsmedizin untersuchten der analytische Chemiker Herbert Oberacher und sein Team die Abwasserproben. Innsbruck ist die einzige Landeshauptstadt, die an der Studie teilnahm.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Die Abwässer einer Stadt verraten sehr viel über die Lebensgewohnheiten ihrer Bürger, wie verschwenderisch sie sind und sogar, ob sie Suchtmittel einnehmen. Das machte nun eine internationale Untersuchung deutlich, bei der das in die Kanalisation gelangte Wasser nach Drogenrückständen untersucht wurde (die TT berichtete über die Ergebnisse). Fünfzig europäische Städte nahmen daran teil, darunter neben London, Paris und München das erste Mal auch Innsbruck als einzige österreichische Landes- hauptstadt, die nach Auswertung beim Drogenkonsum im Mittelfeld liegt.

Eine Woche lang analysierten Forscher vom Universitätsinstitut für Gerichtliche Medizin in Innsbruck von der Kläranlage der Kommunalbetriebe in der Rossau entnommene Proben. Dort werden täglich etwa 40.000 Kubikmeter Abwässer aus Innsbruck und 14 Umlandgemeinden gereinigt. Das Wasser wurde in den Labors nach vier verbotenen Substanzen untersucht – Kokain, das in Innsbruck am häufigsten aufscheint, Ecstasy, Speed und Chrystal Meth, das fast nicht nachgewiesen werden konnte. Sie werden nach dem Konsum über den Urin ausgeschieden und gelangen so über die Kanalisation zur Kläranlage. Bei Cannabis hatten sich die Teilnehmer nicht auf ein einheitliches Untersuchungsprotokoll einigen können.

Professor Herbert Oberacher leitet die weltweit anerkannte Forschungsgruppe in Innsbruck, die sich mit der Entwicklung und Anwendung analytisch-chemischer Verfahren zum Nachweis verbotener Drogen beschäftigt: „Um an der Studie teilnehmen zu können, mussten wir bestimmte Qualitätskriterien erfüllen. Nur wer sie besteht, wird als Labor zugelassen.“ Die Innsbrucker konnten ihre langjährige Expertise im Bereich Drogenanalytik nun erstmals auch im Bereich Abwasser anwenden. So wurde die Gruppe Teil eines Netzwerkes, das jedes Jahr ein Ranking über den Drogengehalt von Abwässern europäischer Städte erstellt. Dass Innsbruck darin aufscheint, dürfe laut Oberacher nicht als Hinweis verstanden werden, dass hier mehr Drogen als in anderen österreichischen Städten konsumiert werden. Viele haben bereits von Innsbruck als „österreichischer Drogenhauptstadt“ gesprochen.

Die nachgewiesenen Mengen sind winzig, die Konzentration liegt im Nanogramm-pro-Liter-Bereich. Oberacher: „Eine Ecstasy-Tablette enthält ungefähr 100 Milligramm Wirkstoff. Pro Tag werden rund 40 Millionen Liter Abwasser produziert. Würde man sie darin auflösen, würde man eine Konzentration von 2,5 Nanogramm pro Liter bekommen. Trotzdem sind wir mit unseren Analyseverfahren in der Lage, diese eine Tablette nachzuweisen.“

Abwassermonitoring gilt als wichtiges Werkzeug, um den Drogenmarkt zu überwachen. „Dabei können zeitliche und räumliche Unterschiede im Konsumverhalten erkannt werden – zwischen Städten, innerhalb von längeren Beobachtungszeiträumen oder auch an verschiedenen Wochentagen.“ So ergab die Untersuchung auch, dass an einem Wochenende in Innsbruck bis zu fünfmal so viel Ecstasy konsumiert wird wie an Werktagen. Partys, bei denen Ecstasy eingenommen wird, finden vor allem am Wochenende statt. „Auch wenn das Ganze eine grobe Abschätzung ist, zeigt es doch sehr schön, dass wir vielleicht ein paar hundert Konsumenten in Innsbruck haben, die hauptsächlich am Wochenende Ecstasy konsumieren“, meint der analytische Chemiker.

Die Überwachung dient auch dazu, über längere Zeiträume Trends zu erkennen und Präventionsmaßnahmen einzuleiten. Deshalb wird Innsbruck auch an den weiteren internationalen Erhebungen teilnehmen. Die Abwasseruntersuchung ist eine Ergänzung zu anderen Informationsquellen, wie der forensisch-toxikologischen Untersuchung bei gerichtsmedizinischen Obduktionen, der Untersuchung von durch die Polizei sichergestellten Drogen, dem „Drug Checking“-Projekt des Z6 oder Proben im Blut von Verkehrsteilnehmern, die von der Polizei angehalten worden waren. Alle werden an der Gerichtsmedizin untersucht.