Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.01.2017


Bezirk Imst

Freundschaft mit Stier: Nach Schuss brach Welt zusammen

In Sölden ereignete sich um Neujahr ein Tierdrama. Nachdem Stier Maxi erschossen wurde, verschwand die Besitzerin spurlos.

Symbolfoto.

© Thomas BöhmSymbolfoto.



Von Matthias Reichle

Sölden – Es war keine alltägliche Freundschaft, die Gabriela und Maxi verband. Sie, 45 Jahre alt, stammt aus Ungarn und war im Herbst 2015 als Hofhelferin nach Sölden gekommen. Er, ein 28 Monate alter, 775 Kilo schwerer Stier, war ihr Ein und Alles. „Familie“ ist ein Wort, das oft fällt, um die beiden zu beschreiben.

Die Geschichte hat allerdings kein Happyend. Stier Maxi wurde zu Silvester auf polizeiliche Anordnung erschossen, weil er seiner Besitzerin davongelaufen war und nicht mehr eingefangen werden konnte. Für Gabriela dürfte in diesem Moment die Welt zusammengebrochen sein. Sie verschwand zwei Tage später spurlos. Suchaktionen der Polizei – die sogar Spürhunde einsetzte – verliefen bisher ohne Ergebnis. Zwischenzeitlich wurden sie unterbrochen.

Als richtiggehend „tierfanatisch“ beschreibt Bürgermeister Ernst Schöpf die Frau. Die Geschichte geht seit letzter Woche in Sölden die Runde. Gabriela hatte bei Bauer Martin Grüner gewohnt, wo sie auch anfangs als freiwillige Helferin gearbeitet hatte. „Mir tut es leid, weil sie mit ihrem ganzen Leben drangehangen ist“, erzählt dieser. Die Frau hatte den Stier gerettet, als Grüner ihn zum Metzger bringen wollte. „Maxi nicht schlachten“, hatte sie sich damals aufgebracht an ihn gewandt. „Sie war nur bei ihren Tieren und noch nie so glücklich“, beschreibt er das innige Verhältnis der Ungarin, die ihm den Stier und die Kalbin Lilli, die inzwischen trächtig ist, abkaufte. Sie hat bei den Tieren gegessen, sogar bei ihnen geschlafen. „Kraut, Rüben, Bananen, Äpfel – ihr Essen hat sie mit dem Stier geteilt.“ Im Sommer zeltete sie auf der Weide bei den Rofenhöfen, um ihnen nah zu sein. Zu ihrer Familie oder anderen Menschen hatte sie jedoch wenig Kontakt.

Alles schien sich zum Positiven zu wenden. Zuletzt hatte die Ungarin einen Stall für ihre Tiere im Weiler Granstein gefunden und hatte sie dorthin übersiedelt. Zu Silvester war der Stier aber davongelaufen. Auf polizeiliche Anordnung wurde das Tier, das seine großen Hörner behalten hatte, dann erschossen. Es sei außer Kontrolle gewesen, heißt es Seitens der Polizeiinspektion Sölden. Man habe lang probiert, es einzufangen und wollte verhindern, dass es zurück ins Wohngebiet läuft.

Während die einen die Notwendigkeit der Amtshandlung bekräftigen, ziehen sie andere in Zweifel. „Ich hätte ihn problemlos weggeführt“, behauptet Grüner, der jedoch nicht dabei war, wie er betont. Er sei enttäuscht. Der Stier habe niemanden verletzt, heißt es auch. Passanten dürften sich vor ihm aber auch gefürchtet haben.

Für Gabriela brach jedenfalls ihre Welt zusammen, betont Grüner. Sie war zunächst in den Wald gelaufen, kam dann aber zurück. Am 2. Jänner wurde sie zum letzten Mal gesehen. Als sie nicht mehr auftauchte, leitete man eine polizeiliche Suchaktion ein. Ihr alter Toyota, Handy und Laptop, blieben zurück.

Kalbin Lilli ist inzwischen im Stall des Ortsbauernobmanns untergekommen.