Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 21.03.2017


Kirche

Überaltert: Kirchenbesuch wird dramatisch zurückgehen

Die Beteiligung an den Pfarrgemeinderatswahlen ist auf 20 Prozent gesunken. Politologen befürchten in den nächsten Jahren weiteren Schrumpfungsprozess.

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Innsbruck, Kufstein – Von 31 Prozent wie im Burgenland können die Diözesen Innsbruck und Salzburg bei den Pfarrgemeinderatswahlen nur träumen. Der pfarrliche Durchschnitt lag am Sonntag bei 19,91 Prozent, vor fünf Jahren noch bei 21,5 Prozent. Österreichweit gingen 19 Prozent der Katholiken zur Wahl. 1500 Kandidaten stellten sich in den zur Erzdiözese Salzburg gehörenden Unterländer Pfarren der Wahl, 3400 waren es in der Diözese Innsbruck. 56 Prozent der Gewählten sind Frauen, der Altersdurchschnitt hat sich in Innsbruck und Salzburg auf 44,7 bzw. 48 Jahre erhöht. Trotzdem freut sich Seelsorgeamtsleiterin Elisabeth Rathgeb über „das Engagement so vieler Ehrenamtlicher“. Diözesanadministrator Jakob Bürgler baut auf Veränderung und mehr Lebendigkeit, wenn Mitverantwortung wahrgenommen wird.

Und wie wird das Ergebnis außerhalb der „kirchlichen Gremien“ gesehen? Die beiden Politologen Ferdinand Karlhofer (Uni Innsbruck) und Peter Filzmaier (Donauuniversität Krems) sprechen beide von einem schrumpfenden Kern in der katholischen Kirche. Für Karlhofer gibt es noch dazu einen Bindungsverlust. „Außerdem ist die Rolle des Pfarrgemeinderats in der hierarchisch organisierten Kirche keine große. Warum sollten deshalb mehr Katholiken wählen?“ Trotzdem erfülle die Kirche nach wie vor für viele Katholiken wichtige Funktionen, auf die man nicht verzichten wolle: z. B. Taufe und die Begräbnisfeier. Und politisch verweist Karlhofer auf die Präambel der Tiroler Landesverfassung. „Im ,heiligen Land‘ steht die Treue zu Gott nach wie vor in der Präambel.“

Derzeit besuchen allerdings nur noch 18 Prozent der Tiroler Katholiken regelmäßig den Gottesdienst. Karlhofers Kollege Peter Filzmaier ortet im immer weniger werdenden Kirchenbesuch einen schleichenden Prozess. „Der aber in einem Jahrzehnt noch dramatischer wird.“ Schließlich leide die Kirche an Überalterung – auch bei den Besuchern der Sonntagsmesse. Filzmaiers überspitztes Szenario: „Zugegebenermaßen ist mein Rechenbeispiel polemisch: Aber rechnet man die Entwicklung bei den Gottesdienstbesuchern hoch, wird es 2050 nur noch leere Kirchen geben.“

Aus der Sicht Filzmaiers ist der Leidensdruck für Veränderung offensichtlich noch zu gering. Zum anderen habe es die Kirche schwer: „Streift sie ihren Konservativismus ab, verliert sie ihre Marke.“ Letztlich laufe sie aber Gefahr, sich selbst zu täuschen. „Weil sie keine Antwort auf die Probleme in Europa hat, aber ständig auf die globale Entwicklung verweist.“ (pn)