Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.04.2017


Thema

Ei im Tetra Pak, Pulver für Kaiserschmarrn

Der Absatz von Convenience Food ist massiv angestiegen. Das Wiener Schnitzel kommt immer öfter paniert aus Rumänien & Co.

Möbelhäuser hätten mit ihren Billigschnitzeln den Preiskampf in Österreich eröffnet. „So günstig kann kein einheimischer Bauer produzieren“, sagt Branchenkenner Harrer.

© E+Möbelhäuser hätten mit ihren Billigschnitzeln den Preiskampf in Österreich eröffnet. „So günstig kann kein einheimischer Bauer produzieren“, sagt Branchenkenner Harrer.



Innsbruck, Wien – Ein Kilo Vollei entspricht dem Inhalt von rund 20 Schaleneiern. Hühnereier im Tetra Pak zählen zu Convenience Food. Convenience heißt übersetzt Bequemlichkeit, gemeint sind arbeitserleichternde Essenszutaten oder Fertiggerichte. Eier im Tetra Pak erfreuen sich wachsender Beliebtheit. „Sie halten länger, es besteht keine Salmonellengefahr und entsprechen der Hygieneverordnung“, erklärt Peter Harrer. Er ist seit Jahren im Lebensmittelhandel tätig und kennt die Branche gut.

„Es ist ein Teufelskreis“, meint Harrer. Die Gastronomie tue sich zunehmend schwer, Köche zu finden. Weil teils schlechte Gehälter gezahlt würden, stünden viele ausländische Köche in Österreichs Küchen. Die würden die heimischen Spezialitäten auch nicht so gekonnt aus dem Ärmel schütteln. „Warum also nicht das Pulver für den Kaiserschmarrn verwenden oder den vorgefertigten Marillenknödel kaufen?“, fragt Harrer. „An den Germknödel hat sich der Konsument ohnehin schon gewöhnt. Der kostet im Einkauf 60 Cent.“

Der Absatz von Convenience Food sei in den letzten Jahren stark gestiegen, die Qualität der vorgefertigten Produkte zum Teil auch. „Convenience muss nicht von vornherein schlecht sein“, meint Harrer. Es sei alles eine Frage des Preises. In Österreich habe die Systemgastronomie in den unzähligen Möbelhäusern eine Kettenreaktion ausgelöst. Ein Schnitzel um 3,99 Euro lasse sich in Österreich nicht produzieren. „Zuerst wurde nur das Schweinefleisch aus Osteuropa importiert. Dann hat man es gleich dort panieren lassen, weil die Arbeitskräfte billiger sind.“ Das günstige Mittagsmenü im Möbelhaus bringe auch die restliche Gastronomie unter Zugzwang. „In Wien darf ein Mittagsmenü 5,90 Euro kosten, in Tirol vielleicht etwas mehr.“ Bei der Preiskalkulation gehe sich heimische Qualität nicht aus. „Essen muss günstig sein.“

Harrer fordert eine Kennzeichnungspflicht für Großhändler. Sie müssten deklarieren, woher sie ihr Fleisch, ihre Waren beziehen. Dass die Kontrolle schwierig sei, ist für Harrer kein Argument. Allerdings müsse die öffentliche Hand mitziehen. Und da spießt es sich. In den Altenheimen, Mensen, Spitälern oder Gefängnissen serviere die öffentliche Hand die Hälfte aller Menüs in der Gastro.

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Peter Harrer
Peter Harrer
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„In diesem Bereich ist die Preiskalkulation äußerst eng. Schätzungsweise drei bis fünf Euro stehen vielerorts für Frühstück, Mittag- und Abendessen zur Verfügung.“ Wenn dann auch noch Auflagen kämen, müsse die Produktion noch billiger sein. „Wenn ein Drittel bio sein soll und der Apfel zur Pflicht wird, muss bei zwei Dritteln der Mahlzeit noch mehr gespart werden.“

Steckbrief

Peter Harrer ist heute als Marketing- und Verkaufsberater im Lebensmittelhandel tätig. Er hat 15 Jahre lang für Nestle gearbeitet und war Marketingleiter bei Frisch & Frost, das die Marke Bauernland vertreibt.

Die andere Hälfte zur öffentlichen Hand besorgen laut Harrer Häuser, die noch selber kochen und jene, die knapp kalkulieren und „mit den Mittagsmenüs über die Runden kommen müssen“. Eine Kennzeichnungspflicht für die Gastronomie hält Harrer nach der Registrierkassenpflicht, der Allergenverordnung und dem Raucherschutz für nicht einführbar. Bis eine Kennzeichnungspflicht für Großhändler oder in Folge für die Gastronomiebetriebe kommt, rät Harrer den Konsumenten, auf den Preis zu achten. „Dass sich bei 3,99 Euro kein Qualitätsschnitzel ausgeht, dürfte klar sein.“