Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 09.04.2017


Exklusiv

Bevor der Patient ausflippt, kann man Druck herausnehmen

Sicherheit spielt für die tirol kliniken eine zentrale Rolle. Neben dem Security-Management, das bei Gewalt eingreift, gibt es nun ein Deeskalationstraining.

© Rudy De Moor / TT



Von Alexandra Plank

Innsbruck – Jeder kennt die Situation aus dem Alltag: Das Verhalten eines anderen nervt, doch wie soll man ihn dazu bringen, davon Abstand zu nehmen? Florian Haslinger ist Krankenpfleger auf der Kinder- und Jugendpsychi­atrie der tirol kliniken.

Er hat in Eigenregie eine Ausbildung zum Deeskalationstrainer in Salzburg gemacht und schult aktuell das Personal der Kinder- und Jugendpsychiatrie, das demnächst an den neuen Standort nach Hall übersiedelt. „Man kann davon ausgehen, dass rund 60 Prozent unserer Patienten mit unerwünschtem Verhalten aufhören, wenn man sie intensiv anblickt, weitere 30 Prozent reagieren, wenn man sie mit dem Namen anspricht“, sagt Haslinger. Bleiben noch 10 Prozent, die die Scheuklappen aufsetzen.

Hier lässt der Trainer die Anwesenden eine einfache, aber doch effektvolle Methode ausprobieren. Die Gruppe von 15 Teilnehmern wird aufgefordert, sich ein störendes Szenario zu überlegen. Es geht etwa darum, dass eine Teilnehmerin ständig mit dem Handy spielt. „Es ist wichtig, dass man benennt, was einen stört, und eine Ich-Botschaft sendet. Mich nervt, dass du mir nicht zuhörst“, nennt Haslinger ein Beispiel. Der Dialog sollte in einem Appell enden. Der Kursteilnehmer verlegt sich indes aufs Flehen: „Hör damit auf, ich bitte dich.“ Haslinger greift ein: Ein entschiedenes „Lass das“ sei ausreichend.

Was aber, wenn das Gegenüber weiter auf stur schaltet? Eine Wiederholung des Prozederes führe häufig zum Erfolg, es gebe aber auch noch andere Methoden, so der Trainer. Diese Deeskalations-Kurse sind aber nur Teil eines Masterplans, der die Sicherheit auf der Klinik verbessern soll, sagt Projektleiterin Stephanie Federspiel. „Gerade in den Notaufnahmen kommt es immer wieder zu Problemen. Auch in der Psychiatrie ist es oft schwierig, mit Patienten, die sich aufregen, richtig umzugehen.“

Das Krankenhaus verfüge über ein Security-Management. Eine Broschüre „Umgang mit aggressiven Personen“ wurde diesen März erstellt. Ein Notfallsystem mittels Karten sorgt dafür, dass, wenn jemand etwa wegen Drogen ausrastet, nahe Kollegen herbeigerufen werden können. Im Dezember 2016 hatte das „VertretungsNetz“ Kritik an den tirol kliniken geübt: Der Sicherheitsdienst helfe bei der Fixierung von Patienten und übernehme damit an der Psychiatrie Aufgaben, die ihm nicht zustehen, die TT berichtete. Damals hieß es, dies sei nur bei akuter Gefährdung der Fall.

Die tirol kliniken setzen seit Längerem stark auf Prävention: Besonders wichtig sei, dass Pfleger und Ärzte Methoden erlernen, wie sich Patienten besser wahrgenommen fühlen. „Wir wollen das Projekt auf die ganze Klinik ausdehnen. Die Mitarbeiter, die geschult werden, wirken als Multiplikatoren. Das Projekt ist eng an die Geschäftsleitung gekoppelt, damit nötige Entscheidungen rasch fallen“, so Federspiel.