Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 19.04.2017


Tirol

Suchtberatung Tirol geht neue Wege

Die Zahl der Beratungen ist gestiegen. Cannabis ist bei der Hälfte der Betroffenen Leitdroge.

© KeystoneFür über die Hälfte der Menschen, die zur Suchtberatung kommen bzw. müssen, ist Cannabis die Leitdroge.



Von Marco Witting

Innsbruck – Die Suchtberatung Tirol geht neue Wege. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Seit rund einem Jahr mit einem mobilen Dienst, der zu den Klienten kommt. „Wir erreichen dadurch tendenziell ältere, auch mehr weibliche Betroffene“, erklärt Birgit Keel, Geschäftsführerin der Suchtberatung. Die Berater erreichen damit auch Menschen, die sich bisher – aus welchen Gründen auch immer – nicht in die entsprechenden Einrichtungen begeben haben. Oft, weil sie durch Probleme im Zusammenhang mit ihrer Sucht nicht mehr oder kaum in der Lage sind, die Wohnung zu verlassen. Rund 40 Männer und Frauen nahmen dieses Angebot bisher in Anspruch.

Auch im Vorjahr ist die Zahl der Klienten wieder gestiegen – rund 1000 waren es insgesamt, darunter 160 Angehörige. Die Zahl der Einzelkontakte stieg auf über 4800. Konstant bleibt, dass mehr Männer (80 Prozent) zur Suchtberatung gehen. Während 70 Prozent der Angehörigen Frauen sind. „Zu uns kommen Menschen, die zugewiesen werden oder auch freiwillig“, erklärt Berater und Psychologe Dietmar Kamenschek. „Sucht ist mehr als ein Randgruppenphänomen. Sucht betrifft nahezu unsere gesamte Gesellschaft“, erklärt Keel. Der Großteil der Menschen komme in Krisensituationen mit Drogen, illegalen und legalen, in Kontakt und versuche dadurch diese traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Beim illegalen Drogenkonsum geben mehr als die Hälfte der Betroffenen Cannabis als Leitdroge an, 15 Prozent Opiate, elf Prozent Kokain. „Drogen werden oft als Medikament verwendet“, erklärt Kamenschek. Man wolle die Klienten nicht auf die Suchterkrankung reduzieren, sondern die eigentlichen Probleme erkennen.