Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 28.04.2017


Exkusliv

Rettung mit Stein beschossen

Innsbrucker Sanitäter schlagen Alarm: Die Aggressivität bei Rettungseinsätzen steigt. Für Gerichtspsychiater Haller ein Phänomen, das auch mit Drogen zusammenhängt.

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© ZOOM-TIROL



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – „Gewalt gegen Rettungskräfte ist leider keine Seltenheit mehr“, schlägt ein Innsbrucker Sanitäter in einem Einsatzbericht, der der TT zugespielt wurde, Alarm. Darin schildert der Helfer, wie die Versorgung eines Betrunkenen mit Beschimpfungen und einem beschädigten Rettungswagen endete.

Es war in der Nacht zum vergangenen Sonntag, als ein Sanitäterteam zu einem Lokal im Innsbrucker Stadtteil Rossau gerufen wurde. Ein alkoholbedingter Notfall, wie die Helfer rasch feststellen konnten. Ein Nachtschwärmer war so betrunken, dass er nicht mehr stehen konnte. Der Mann war nicht allein, sondern in Begleitung seines Bruders, der auch Alarm geschlagen hatte. Und dieser Bruder war es dann auch, der für Schwierigkeiten sorgte. Zunächst „begann er plötzlich die Rettungskräfte zu beleidigen und ihnen die Arbeit zu erschweren“, heißt es im Bericht: „Das ist leider keine Besonderheit mehr.“ Der Hintergrund: „Der Bruder wollte offenbar nur, dass sich der Betrunkene im Rettungsauto ausruhen kann, eine Versorgung in der Klinik war nicht erwünscht“, erzählt der Sanitäter: „Aber das ging natürlich nicht.“ Wüste Beschimpfungen waren die Folge.

Aber es kam noch schlimmer: Als die Helfer den Betrunkenen im Patientenraum erfolgreich untergebracht hatten, wollte dessen Bruder plötzlich doch mit ins Krankenhaus fahren. Ein Wunsch, den die Sanitäter nicht erfüllen wollten. Das Nicht-Wollen hing mit den vorangegangenen Beschimpfungen zusammen: „Aufgrund des lauten und aggressiven Verhaltens wurde er höflich gebeten, mit dem Taxi ins Krankenhaus zu fahren.“

Der aggressive, aber deutlich weniger stark alkoholisierte Mann sah das anders – er setzte sich einfach auf den Beifahrersitz des Rettungswagens. Nach langem Hin und Her gelang es den Sanitätern doch noch, den Mann aus dem Auto zu bugsieren. „Fast schon fluchtartig verließen wir den Einsatzort.“ Die „Flucht“ endete nach wenigen Metern, als ein faustgroßer Stein im Fahrzeug einschlug und eine deutlich sichtbare Delle im Blech hinterließ. Die Sanitäter blieben stehen und alarmierten die Polizei. Für den eigentlichen Patienten das Signal zum Aussteigen – der Betrunkene hatte sich wieder etwas erholt. Der Bruder wurde von den Beamten wegen Sachbeschädigung angezeigt.

Für den bekannten Gerichtspsychiater Reinhard Haller ist es kein Zufall, dass Notfallsanitäter immer öfter zum Ziel von Aggressionen werden: „Die Rettungsleute kommen dort hin, wo die Stimmung ohnehin schon aufgeheizt ist. Außerdem werden Sanitäter durch ihre Uniformen wie auch Polizeibeamte als Autoritäten wahrgenommen, was ebenfalls Aggressionen auslösen kann.“

Haller vermutet aber auch, dass die verbalen oder manchmal auch handgreiflichen Attacken eine Folge von Drogenkonsum sind. „Es gibt einen Trend zu aufputschenden Suchtmitteln, wie Amphetamine, Crystalmeth oder auch harter Alkohol, die aggressiv machen.“

Michael Örfi von den Innsbrucker Johannitern ortet ein Stadt-Land-Gefälle: „In Ballungsräumen wird auch schon bei kleineren Notfällen die Rettung gerufen, außerdem ist die Versorgung dichter und besser. Umso größer ist dann der Frust, wenn die Sanitäter nicht gleich da sind.“ Örfi glaubt, dass das Phänomen der steigenden Aggressivität nicht nur die Rettungsdienste betrifft: „Vor zwei, drei Jahrzehnten hatten die Leute noch Respekt vor Polizisten, Rettungsfahrern, Postboten oder auch älteren Menschen. Das ist jetzt nicht mehr so.“

Michael Hofmarcher vom Innsbrucker Roten Kreuz räumt ein, dass verbale Übergriffe gegen Sanitäter häufig mit Alkohol zusammenhängen. „Das kommt immer wieder vor, ich habe aber nicht den Eindruck, dass es einen gravierenden Anstieg gibt.“ Tätlichkeiten seien hingegen äußerst selten.

Eine Einschätzung, die nicht alle Sanitäter des Roten Kreuzes teilen – die Aggressivität nähme sehr wohl zu, versichern Mitarbeiter. Sie erinnern dabei an einen Unfall im November 2012 am Innsbrucker Südring. Damals behinderten Schaulustige die Einsatzkräfte. Polizeibeamte mussten sogar einen 21-Jährigen festnehmen, weil er unentwegt Schmählieder sang.