Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 30.04.2017


Tag der Arbeit

Digitalisierung schafft Revolution: Nachdenken über Zukunft der Arbeit

Die Zukunft der Arbeitswelt ist flexibel und die Digitalisierung zerstört mehr Arbeitsplätze, als sie schafft. Warum wir bereits mitten in einem Umbruch stecken und umdenken werden müssen.

Automatisierung und Digitalisierung ersetzen mehr und mehr die menschliche Arbeit. Zur „Digitalisierung der Arbeit“ gibt es am 22. Mai eine Diskussion im ÖGB-Saal Innsbruck, 20.30 Uhr.

© iStockAutomatisierung und Digitalisierung ersetzen mehr und mehr die menschliche Arbeit. Zur „Digitalisierung der Arbeit“ gibt es am 22. Mai eine Diskussion im ÖGB-Saal Innsbruck, 20.30 Uhr.



Wien, Innsbruck — Der Wiener Arbeits- und Sozialrechtler Wolfgang Mazal wird heuer im Herbst beim 21. Philosophicum in Lech zu Gast sein, wenn es dort um die Frage nach der Arbeit, ihrer Zukunft und ihrer Bedeutung für den Menschen geht. Es gibt Berechnungen, die besagen, dass die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze in der westlichen Welt schon 2030 nicht mehr existieren könnten. Die Digitalisierung — und das unterscheidet sie von früheren industriellen Revolutionen — macht im ersten Schritt Bestehendes effektiver. In einem zweiten Schritt jedoch zerstört sie Strukturen und ersetzt sie durch Neues — im Guten wie im Schlechten.

Egal, ob 12-StundenArbeitstag, Arbeitslosigkeit, Digitalisierung oder bedingungsloses Grundeinkommen: Die Zukunft der Arbeit wird auf allen Ebenen heiß diskutiert. Steht uns ein Umbruch bevor?

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- mazal

Wolfgang Mazal: Wir stecken bereits mitten in einem Umbruch. Fakt ist, dass uns in Zukunft durch die Digitalisierung bestimmte Formen der Arbeit ausgehen werden. Momentan passiert Ähnliches wie bei der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts. Auch damals änderte sich die Lebens- und Arbeitswelt der Menschen binnen weniger Jahrzehnte radikal. Heute geht es aber schneller.

Woran hängen wir zu sehr fest?

Mazal: Wir versuchen unseren heutigen Begriff von Arbeit künstlich aufrechtzuerhalten. Wir müssen Arbeit neu definieren. Momentan gilt nur bezahlte, außerfamiliäre Erwerbsarbeit als Arbeit und alles andere zählt nicht wirklich. Das wird für die Zukunft nicht funktionieren. Wir denken immer noch, dass unser Ziel die Vollbeschäftigung wie in den Fünfzigern sein muss. Dahin können wir mit dem derzeitigen Arbeitsbegriff aber nicht zurückkehren.

Uns geht Arbeit aus?

Mazal: Nein, wir werden nach wie vor viel Arbeit haben. Nur müssen wir umdenken, was Arbeit ist. Wenn es in Zukunft um Arbeit geht, werden wir wieder Familien- und Kulturarbeit als Arbeit definieren müssen. Wir werden künftig beispielsweise viele Menschen für die Betreuung von Kindern und die Unterstützung von Familien, in Schulen und von älteren Menschen brauchen. Die „Care-Work", die momentan vielfach unbezahlt von Frauen geleistet wird, muss als bezahlte Arbeit ausgestaltet werden. Zeigen wir, dass sie uns viel wert ist, indem wir entsprechende Löhne ermöglichen.

Wer soll das bezahlen? Andere reden davon, dass es eine Art nutzlose Klasse geben wird — für diese wird man ein bedingungsloses Grundeinkommen andenken müssen. Denken Sie nicht so?

Mazal: Es ist ein Skandal, von Menschen als nutzlose Klasse zu sprechen. Es wäre eine Kapitulation der Humanität einer Gesellschaft, wenn sie das zulassen würde. Wir sollten uns bemühen, trotz Digitalisierung für alle Arbeit zu suchen, die Anerkennung und sozialen Schutz schafft. Ich finde, dass wir jedem Arbeitsfähigen Arbeit geben sollen. Deshalb bin ich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Es würde Menschen zwar durch Transferleistung ruhigstellen, aber keinen Selbstwert durch Anerkennung verschaffen. Hier liegt auch ein wichtiges Finanzierungspotenzial — verkürzt gesagt: Arbeitsentgelt statt Arbeitslosengeld.

Wie definieren Sie Arbeit?

Mazal: Arbeit ist im Prinzip jede Tätigkeit, die sinnstiftend ist und Menschen ein Überleben und soziale Anerkennung geben kann. Dies zu ermöglichen, ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Das Interview führte Liane Pircher

Kurz gefragt: Was sagen Tiroler Arbeitnehmer dazu?


THOMAS WIEDERIN, BUCHHÄNDLER: „Für unsere Branche und für uns als kleine Sortiment-Buchhandlung ist ein guter Internet-Auftritt unerlässlich. Die Kunden wollen sich 24 Stunden lang über Bücher informieren und kaufen. Dieses Segment steigt ständig, wir können portofreie Lieferung in ganz Österreich garantieren. Als wir vor fünf Jahren begonnen haben, waren die E-Book-Reader in aller Munde. Wir haben uns dagegen entschieden und sind gut damit gefahren. Buchhändler sind keine Techniker, die Gewinnspannen gering. Das echte Buch konnte sich nicht nur behaupten, es hat gewonne­n. Die Menschen wollen der Technisierung etwas entgegensetzen. Begeisterte Leser sind bereit, für schöne Bücher mehr zu zahlen. Für gebundene Bücher müssten die Preise angehoben werden." (pla)

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- Wiederin


MARTINA LANER, PFLEGEDIENSTLEITERIN: „Ich arbeite seit 32 Jahren in der Altenpflege. In dieser Zeit hat sich vieles zum Positiven entwickelt, die körperlichen Belastungen wurden durch technische Hilfsmittel weniger. Eine bessere Ausbildung, Weiterbildungsmöglichkeiten und dadurch höhere Standards kommen auch den Heimbewohnern zugute. Zu schaffen macht uns, dass es im Vergleich zu früher viel mehr Pflegefälle und Demenzkranke gibt. Das ist eine große Herausforderung. In dem Beruf wird es immer Menschen brauchen, die Nähe und Liebe zu Menschen, das können Maschinen nicht übernehmen. Roboter sind eine Utopie. Dass die schlechter entlohnte Altenpflege an die Krankenpflege angepasst wird, ist ein Zeichen für die Anerkennung dieses verantwortungsvollen Berufs." (ms)

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- Thomas Boehm / TT


HERMANN STRUBER, AUSBILDNER VON LOKFÜHRERN: „Natürlich wird die Digitalisierung auch bei den Zügen weiter voranschreiten. Schon jetzt ist vieles digital geregelt wie die Stellwerke. Ich habe aber keine Sorge, dass der Lokführer ein aussterbender Beruf ist. Gerade in unserem Bereich hat sich technisch über die Jahrhunderte immens viel getan, die Entwicklung reichte von der Dampflok bis hin zum Railjet. Gleich geblieben ist, dass der Lokführer an Bord ist. Er wird noch wichtiger werden, davon bin ich überzeugt. Der Lokführer ist der Einzige, der technisch so ausgebildet ist, dass er sich mit dem gesamten Zug auskennt. Wenn es zu einem ungeplanten Halt in abgelegenen Bereichen kommt, kann er dafür sorgen, dass nicht Hunderte Passagiere ihrem Schicksal überlassen werden." (pla)

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- Klausner


MARTIN KLAUSNER, WIRT: „Im Gastgewerbe läuft viel über Computer wie die Schankanlagen, aber vom Roboter im Service sind wir weit entfernt. Als Wirt hat man Kontakt zu den Menschen und das ist das Schöne. Ich verstehe gar nicht, warum heute weniger Menschen im Gastgewerbe arbeiten wollen. Die viel diskutierte Registrierkasse hatten wir schon immer. Sie ermöglicht einen reibungslosen Ablauf und Kontrolle. Ich sehe Probleme in der überbordenden Bürokratie, da haben wir die Allergenkennzeichnung, aber auch viele Aufzeichnungen von Arbeitsstunden bis zur Lagerung im Kühlraum. Das kostet Zeit und Energie. Früher war eine Halbtagskraft im Sekretariat, jetzt sind fünf Sekretärinnen im Einsatz. Trotzdem würde ich diesen Beruf wieder ergreifen." (strosa)

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- Struber