Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.05.2017


Gesellschaft

Der Traum vom Haus für Isy

Eine WG, in der Menschen mit Behinderung selbstbestimmt leben können: Das ist der große Wunsch einer engagierten Pflegemutter.

Christian "Isy" Schröcksnadel (r.) mit seinem persönlichen Arbeitsassistenten Aurel Gjeloshi.

© PaumgarttenChristian "Isy" Schröcksnadel (r.) mit seinem persönlichen Arbeitsassistenten Aurel Gjeloshi.



Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – „Der Isy gehört zu uns. Das war schon vom ersten Tag an so. Warum? Weil er so riecht wie wir“, erklärt Susanne Schröcksnadel mit ungespieltem Ernst und tätschelt den jungen Mann, der neben ihr sitzt, liebevoll. Isy, der eigentlich Christian heißt, ist eines von sieben Kindern im Hause Schröcksnadel. Auf dem Papier und vor dem Gesetz damit „nur“ ein Pflegekind, lässt Susanne Schröcksnadel keinen Zweifel aufkommen, dass Isy um keinen Deut weniger gilt als die sechs anderen. Im Gegenteil: Lauscht man den Erzählungen der selbstbewussten Frau, dann bekommt man rasch den Eindruck, dass der 23-Jährige seine Familie ganz ordentlich um den Finger gewickelt hat – nur im positivsten Sinn natürlich.

Christian hat eigentlich einen anderen Nachnamen, will aber so wie seine Mama und seine Geschwister als Schröcksnadel in der Zeitung stehen. Seit seinem dritten Lebensjahr lebt er bei seiner neuen Familie in Vill bei Innsbruck. Was sonst noch über den jungen Mann zu sagen ist? Isy hat das Prader-Willi-Syndrom (PWS) – eine seltene, durch Genmutation hervorgerufene Behinderung. Dass sich seine Mama nach fünf eigenen Kindern dazu entschlossen hat, Isy aufzunehmen, um anschließend noch ein siebtes Kind zu bekommen, findet sie das Normalste der Welt. Der heutige Muttertag wird deshalb nicht zum großen Feiertag und als „Supermama“ will sie schon gar nicht bezeichnet werden.

Es war die Diagnose des Arztes in der dritten Schwangerschaft, die sie zu dem Schritt bewogen hat, ein Pflegekind mit Behinderung aufzunehmen. Damals sagte der Arzt voraus, dass ihr Kind mit schwersten mentalen und körperlichen Einschränkungen auf die Welt kommen werde. Als es so weit war, stellte sich aber heraus, dass die Tochter kerngesund war. Gewissermaßen zum Dank an das Schicksal hat die Familie dann Isy aufgenommen.

Jetzt, da aus dem Kind ein Mann geworden ist, gilt es, über die Zukunft nachzudenken. Ihren Sohn in eine Einrichtung zu schicken, in der ein festes Tagesprogramm unabhängig von seinen Bedürfnissen abgespult wird, kommt für sie nicht in Frage. „Er möchte nicht wie ein Behinderter behandelt werden. Und ich als Mutter sage, dass er alles kann“, erklärt Susanne Schröcksnadel. Sie hat daher eine Initiative gestartet mit dem Ziel, eine völlig neue Form des gemeinsamen Wohnens auf die Beine zu stellen. Eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung, unterstützt von persönlichen Assistenten. Völlig selbstbestimmt und ohne die Bewohner zu entmündigen. Das sei das Mindeste, was man sich für jemanden wünschen kann, der gleich riecht.

Nähere Informationen über Isy und die Visionen von Susanne Schröcksnadel gibt es unter www.pws-isy-rider.at.