Letztes Update am Mo, 05.06.2017 13:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Terror in London

Polizisten, Taxi-Fahrer, Pub-Besucher: Die Helden von London

Mit Flaschen, Gläsern, Stühlen und bloßen Händen stellen sich Zivilisten und Polizisten den Attentätern von London in der Weg. Andere versorgen die Wunden der Opfer. Für die Polizeichefs, Politiker und Medien sind sie die Helden. Einige Beispiele.

Mit Mut und Herz haben Menschen in der Anschlagsnacht eingegriffen.

© Reuters/Peter NichollsMit Mut und Herz haben Menschen in der Anschlagsnacht eingegriffen.



London – Acht Minuten dauert der Terror in der Nacht auf Sonntag in London. Ein Lieferwagen fährt Fußgänger nieder. Drei Männer springen aus dem Van, stechen wahllos auf Passanten am Borough Market ein. Während die Menschen in Panik fliehen, stellen sich einige mutig den Angreifern, helfen den Verwundeten, retten Leben.

Einer der ersten am Tatort ist ein junger Beamter der British Transport Police (BTP), die für den Schienenverkehr verantwortlich ist. Erst zwei Jahre im Dienst stellt sich der Mann den Angreifern in den Weg. Seine Waffe: Ein Schlagstock. Mit Stichwunden im Gesicht, an Kopf und Bein wird der Polizist ins Krankenhaus gebracht. Seine Verletzungen sind schwer, aber nicht lebensgefährlich. Der BTP-Chef lobt den Beamten für seine „außerordentliche Tapferkeit“.

Polizist außer Dienst wirft sich auf Angreifer

Nicht weniger mutig ist ein Londoner Polizist, der seinen Dienst bereits beendet hat. Mit Freunden sitzt er in einem Pub, als er sieht, wie Zivilisten und Kollegen angegriffen werden. „Ohne zu zögern, in seiner Alltagskleidung, hat er sich hineingestürzt“, erklärt die Londoner Polizeichefin Cressida Dick. Der Beamte, der laut Medienberichten Rugby spielt, reißt einen der Angreifer zu Boden. Aber er wird selbst schwer verletzt. Passanten leisten Erste Hilfe, ein Polizeiwagen bringt ihn ins Krankenhaus. Die Stichwunden sind nicht lebensgefährlich. Wie ihr Beamter haben auch die Zivilisten in den Augen der Polizeichefin „schlichtweg heldenhaft“ gehandelt.

Mit Gläsern, Flaschen und einer Kiste gegen die Attentäter

Gerard ist auf dem Weg vom Pub nach Hause, als plötzlich alle um ihn herum zu rennen beginnen. Dann sieht er, wie ein Mann auf ein junges Mädchen einsticht. Sie fleht um Hilfe. „Es war schrecklich, ich habe mich hilflos gefühlt“, sagt er kurz nach dem Anschlag der BBC. Er nimmt, was ihm vor die Hände kommt: Gläser, Flaschen, Stühle. Wirft sie auf die drei Männer. Ruft anderen zu, sie sollen weglaufen. „Ich habe versucht, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Aber am Ende des Tages war ich hilflos.“ Nach dem Horror hat er eine Stunde geweint, sagt er.

Florin ist Koch in einer Bäckerei am Borough Market. Er sieht, wie plötzlich Menschen wegrennen, stürzen, ohnmächtig werden. Er geht aus dem Lokal – und sieht wie zwei Männer wild auf Leute einstechen. Der Rumäne rennt auf sie zu. Schlägt einem mit einer Steige auf den Kopf. 20 Passanten bringt er in der Bäckerei in Sicherheit, berichtet The Evening Standard.

Türsteher von verschiedenen Lokalen reagieren schnell, versperren Türen, schließen die Gäste ein. In einem Restaurant stellt sich die Belegschaft den Attentätern in den Weg. Gäste, die draußen sitzen, retten sich in der Zwischenzeit ins Innere des Lokals. Taxifahrer warnen Passanten vor den Angreifern. Einer versucht sogar, sie mit seinem Wagen umzufahren.

Kampf um das Leben einer Frau in einem Restaurant

Carlos ist Pfleger auf einer Intensivstation. Er sitzt mit seinem Lebensgefährten Giovanni in einem Restaurant. Ein Terrorist stürmt herein. Vor ihren Augen sticht er einer Frau in die Brust. Sofort eilt Carlos – gemeinsam mit einer befreundeten Krankenschwester – der Verletzten zu Hilfe. „Sie haben Eis und Tücher genommen. Sie haben versucht, die Blutung zu stoppen. Sie hat am Anfang einen halben Liter Blut verloren“, berichtet der Freund des 33-Jährigen gegenüber der BBC. „Er hat immer weiter auf die Wunde gedrückt.“

Andere Gäste werfen Stühle und Flaschen auf den Angreifer, drängen ihn aus dem Lokal. Kaum ist er draußen, lassen die Angestellten das Sicherheitsgitter der Tür hinunter. „Nach der ersten Panik haben aller versucht, der Verletzten zu helfen und ruhig zu bleiben“, sagt Giovanni. Zwei Stunden vergehen, bis Sanitäter zu ihnen kommen können. „Sie haben sie bei Bewusstsein gehalten. Es war Glück, dass sie da waren.“

Währenddessen kreisen Polizisten die drei Attentäter ein. 50 Schüsse fallen. Die Terroristen sind tot. Sieben Menschen haben sie getötet, 48 verletzt. Mit dem beherzten Eingreifen retten die Genannten – und noch viele andere – vermutlich Dutzende Leben. (smo)